Dr. Jürgen Struck über Klima-Proteste

Das Klima ist kein Freifahrtschein


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„Wenn wir diese Welt lebenswert erhalten wollen, gilt es zu handeln! Sei es gegen Braunkohle, Atomindustrie, Kreuzfahrtschiffe, (Massen-) Tierhaltung, Automobilindustrie oder das gesamte kapitalistische Dreckssystem!“

Erschienen ist diese Kampfansage einer „Klimagerechtigkeitsbewegung“ am Mittwoch dieser Woche auf der Seite „de.indymedia.org“. Anlass war die Blockade eines Neufahrzeuge transportierenden Zuges am Volkswagen-Werk in Wolfsburg. Rund 50 „Aktivisten“ hatten sich nach bekanntem Muster über mehrere Stunden an Gleise gekettet, sich von einer Brücke abgeseilt und damit den Schiffsverkehr blockiert. Der Protest endete friedlich, die Polizei beteiligte sich lediglich an den Aufräumarbeiten. Nach Feststellung der Personalien gingen die „Aktivisten“ nach Hause.

Auf Anfrage erklärt der VW-Konzern, dass von Seite des Unternehmens keine strafrechtlichen Maßnahmen eingeleitet werden. Diese obliegen den staatlichen Organen. Was dies bedeutet, bleibt offen. Gleichzeitig ließe sich erwarten, dass weitere Protestaktionen, beispielsweise bei der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt im September, stattfinden werden. Darauf müsse sich die Autobranche auch vorbereiten.

Zunehmend ergibt sich die Frage, ob der „Kampf gegen den Klimawandel“ mittlerweile Aktionen jedweder Art rechtfertigt. Ein – aus Sicht vieler – fataler Trend nimmt Fahrt auf. Nachdem Teile der Politik mit großem Wohlwollen die jugendliche Klimabewegung begleiten, treten nun mehr und mehr gut organisierte Aktionsgruppen Erwachsener in Erscheinung. Sie werden an verschiedenen Orten aktiv und zeichnen sich durch eine große Bereitschaft zur Radikalität aus. Zur Legimitation berufen sie sich auf das über allem stehende Gebot zur Rettung des Klimas. Dabei sind Behinderungen des öffentlichen Verkehrs, zerstörte Felder, Eigentumsdelikte oder Hausfriedensbruch nur Kinkerlitzchen und werden als Kollateralschäden in Kauf genommen.

Bislang trifft es überwiegend noch „die Großen“. Doch sollten sich auch die Landwirtschaft und insbesondere die Tierhalter frühzeitig darauf einstellen, plötzlich in das Visier der Klimaaktivisten zu geraten. Hatten „Tierschutzaktivisten“ bislang vorwiegend die Geflügel und Schweinehalter als Ziel auserkoren, könnten nun die Rinderhalter mit ihren Wiederkäuern in den Fokus geraten. Natürlich hat die Landwirtschaft auch gute Argumente für fachliche Diskussionen zur Verfügung. Doch die Erfahrung zeigt, dass diese in aufgeheiztem Klima nicht gehört oder gar beachtet werden. Verkürzte Botschaften sind die Instrumente der Wahl und konditionieren Geisteshaltungen. Auch die Politik ist aufgerufen, zur Mäßigung der Aktionen beizutragen. Deeskalation ist gut, doch gibt es auch Grenzen im Umgang miteinander. Denn wie oben ausgeführt, geht es einigen um das „gesamte kapitalistische Dreckssystem.“ Dafür kann das Klima kein Freifahrtschein sein.

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  1. Wolfgang Behrendt
    Erstellt 16. August 2019 11:36 | Permanent-Link

    Die Treibhausgasemissionen der Milchkühe werden oft zu einseitig dargestellt. Solange ich grasbetonte Futterrationen den Kühen vorlege und damit absolutes Grünland verwerte, brauche ich mich als Milcherzeuger in der öffentlichen Diskussion nicht zu verstecken. Die Kuh ist Teil eines Systems. Das Gras wächst in der Natur heran, benötigt und bindet das klimaschädliche CO2. Die Kuh frisst und verdaut das für die menschliche Ernährung wertlose Gras und macht daraus hochwertige Nahrungsmittel in Form von Milch und Fleisch. Außerdem bringt sie mit ihrem Mist weiteren klimaschädlichen Kohlenstoff in den Boden ein. Die Methanemissionen sehe ich aus diesem Grund als Reibungsverluste in einem Kreislauf an. Nach einer Verweildauer von gut 10 Jahren in der Atmosphäre wird Methan in Kohlendioxid und Wasserdampf aufgespalten. Das CO2 kann dann im Rahmen der Photosynthese wieder für das Pflanzenwachstum verbraucht werden. Der Kreislauf beginnt von Neuem.

    In Deutschland sind ca. 30% der landwirtschaftlich genutzten Fläche (11,7 Mio. ha) Dauergrünland. Dieses kann in der Regel aber nur über Wiederkäuer genutzt werden. Die Weltbevölkerung nimmt ständig zu und die landwirtschaftlich genutzte Fläche wird stetig weniger. Die Nutzung aller zur Verfügung stehenden Flächen muss daher Priorität haben. In den Realteilungsgebieten Südwestdeutschlands liegen aber immer mehr Wiesen brach. Die noch aktiven Landwirte nutzen dieses Grünland, soweit es die Maschinen zulassen. Der Rest bleibt sich selbst überlassen. Auf diesen Flächen werden im Sommerhalbjahr in Gräsern große Mengen an organischem Kohlenstoff eingelagert und im Winterhalbjahr beim Verrotten wieder als schädliches Kohlendioxid an die Atmosphäre abgegeben. Hier werden doch Ressourcen, welche uns die Natur vor Ort bereitstellt, verschwendet.

    Die derzeitige Verlagerung der Milchviehhaltung aus den strukturschwachen Gebieten hin zu den Gunstregionen lässt einerseits immer mehr Brachland oder nicht verwertbares Grünland (Jakobkreutzkraut) entstehen und führt andererseits zu einer Grenzbelastung der Böden in den Zielregionen. Der Silomaisanbau nimmt regional weiter zu und es müssen große Mengen an Futtermitteln, Stallmist und Gülle über weite Entfernungen hinweg transportiert werden. Ist das im Sinne von Gesellschaft und Politik?

    Die Nutzung von absolutem Grünland steht auch in keinem Wettbewerb zur Nahrungsmittelerzeugung! Der Klimawandel wird hauptsächlich durch den endlichen Verbrauch kohlenstoffhaltiger Ressourcen herbeigeführt. Wiederkäuer im Zusammenspiel mit Dauergrünland bilden da eine Ausnahme.


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