Enkeltauglichkeit

Zwei Volksparteien - eine Parole

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Ein neuer Kampfbegriff hält Einzug in den Berliner Politikbetrieb. Renate Künast will ihn für die grüne Agrar- und Ernährungspolitik reklamieren, Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) für ihre Agenda. Was ist dran?

„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen.“ Diese indianische Weisheit fällt Zeitzeugen ein, wenn sie sich an die Anfangszeit der grünen Partei erinnern. Sie diente den Grünen dazu, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Folgen des Raubbaus an der Natur zu schaffen. Inzwischen sind die Grünen nicht mehr politische Avantgarde, sondern mit 20 Prozent Zustimmung im jüngsten ZDF-Politbarometer die mehrheitsfähigste Partei in Deutschland nach der Union. Und damit Teil des neuen (Spieß-)Bürgertums.

Das mag auch erklären, warum der neue Kampfbegriff in der Agrarpolitik, den die frühere Bundesagrarministerin Renate Künast zur Grünen Woche 2019 bemühte, deutlich arrivierter daherkommt. „Enkeltauglichkeit“ lautet das Schlagwort, das alle Facetten der Nachhaltigkeit bündeln soll. In ihm spiegelt sich der Wandel der Partei von der Graswurzelbewegung in den Mainstream.

Denn Enkeltauglichkeit klingt irgendwie konservativ und nach Jägerzaun-Idylle. Also nach CDU? Richtig, denn auch die amtierende Bundesagrarministerin Julia Klöckner will ihre Politik „enkeltauglich“ positionieren. Und zwar unter anderem bei ihrem Lieblingsthema, der Digitalisierung der Landwirtschaft.

Der Kampf um die Deutungshoheit über die Enkeltauglichkeit ist entbrannt. Renate Künast findet es nämlich bestenfalls „naiv“ und schlimmstenfalls „vertuschend“,  allein auf die Digitalisierung zu setzen, um die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Und sie will sicher auch einen Teil des ursprünglichen, nämlich grünen, Markenkerns verteidigen.

Dazu nutzte Künast die Konferenz „Europa à la Carte – was essen wir morgen?!“. Dabei ging es viel um Revolutionen von unten, regionale Verkürzungen der Wertschöpfungsketten durch Allianzen zwischen Bauern und Bürger statt Bauern und Konzern, und um „Verbraucherinnen und Verbraucher, die mit den Füßen abstimmen“, welche Landwirtschaft sie wollen. Ein Stück Graswurzelbewegungs-Feeling in einer Zeit, in der die Grünen quasi Volkspartei sind.

Eine weitere These auf der Konferenz: Die Zukunft der Ernährung wird in den Städten gestaltet. Und tatsächlich: Der Ernährungsrat-Bewegung, gegründet 2015 in Mailand, haben sich mittlerweile 150 Städte weltweit angeschlossen, auch Berlin. Dort bastelt die Bewegung an einer Blaupause für die „Ernährungswende“. Das „Netzwerk Biostädte“, dem unter anderen Hamburg angehört, hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil von Bio-Nahrungsmitteln in den öffentlichen Einrichtungen zu erhöhen. Eine ähnliche Zielsetzung verfolgt die aus Großbritannien stammende Bewegung der Fair-Trade-Städte – eben mit Produkten aus fairem Handel, statt mit Bio.

Auch wenn das Forum Moderne Landwirtschaft in einer Umfrage pünktlich zur Grünen Woche herausgefunden hat, dass in Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern gut 60 Prozent der Bürger keinen Landwirt persönlich kennen – Impulse für die gesellschaftspolitische Dimension der Agrarpolitik kommen dennoch häufiger aus urbanen Zentren. Daran führt kein Weg vorbei. Und der Ernährungsrat in Berlin streckt seine Hand aus: „Wir wollen mit den Erzeugern zusammenarbeiten und keine 'Berliner Spinner' sein", sagt Dr. Henrike Rieken, Agrarwissenschaftlerin und Sprecherin des Ernährungsrates Berlin.

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