Platt formuliert sollen Ammoniak-Emissionen für jährlich mehr als 50.000 frühzeitige Todesfälle verantwortlich sein. Diese Aussage eines Wissenschaftlers ruft den Deutschen Bauernverband auf den Plan.

Wenn es infolge von medialer Berichterstattung der eigenen Person an den Kragen geht, reagiert der Deutsche Bauernverband prompt, meist ungehalten. So geschah es auch im Anschluss an den Bericht „Feinstaub durch Landwirtschaft: Seit Jahren verharmlost“ in der ARD-Sendung „Monitor“. In der Sendung zitiert Prof. Jos Lelieveld, Wissenschaftler am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie, aus einer bisher unveröffentlichten Studie: „Gäbe es keine Ammoniak-Emissionen mehr, hätte man pro Jahr mehr als 50.000 weniger frühzeitige Sterbefälle als jetzt“, so Studienleiter Lelieveld.

Die Hochrechnungen des Autoren seien spekulativ und hochgradig unseriös, die mediale Verwertung der „unfertigen“ Studie, die das wissenschaftliche Review-Verfahren „noch nicht einmal“ durchlaufen habe, hält der Deutsche Bauernverband für fragwürdig.

Ist diese Kritik berechtigt?

In jedem Fall lohnt es sich, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nachzufragen, anstatt selbst nach Erklärungen zu suchen und diese dann höchst unfundiert herauszuposaunen. Gesagt, getan. Von wissenschaftlicher Seite bekommt der Verband tatsächlich Unterstützung. „Die plakative Formulierung entbehrt wissenschaftlicher Grundlage“, so Prof. Ernst Hallier, Mitglied der Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe, gegenüber agrarzeitung.de. „Selbst wenn das Messergebnis zeigt, dass 45 Prozent der Feinstäube durch Ammoniak-Emissionen verursacht werden, sind Rückschlüsse auf Todesfälle nicht begründet.“ Bei der Frage, wie viele Menschen durch Feinstäube sterben, müsste nach den Inhaltsstoffen der Feinstäube differenziert werden, so Hallier.

Auf den ersten Blick wirkt die Debatte um die Feinstaub-Studie vor diesem Hintergrund zwar wie ein Paradebeispiel für ideologisch motivierte Berichterstattung. Auf den zweiten Blick offenbart diese allerdings das Prinzip der Vorsorge, das in der Umwelt- und Gesundheitspolitik durchaus am rechten Fleck platziert ist. Das lässt sich anhand der Argumente von Prof. Rainer Friedrich, Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, nachvollziehen. Dieser erklärt gegenüber agrarzeitung.de, die Aussage zu den Todesfällen beruhe auf einer Annahme der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die als wahrscheinlich gilt. Zwar sei bisher nicht bekannt, ob die Zusammensetzung der Feinstaubpartikel die Toxizität beeinflusst. Nachgewiesen sei jedoch, dass Feinstäube Atemwegserkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen, die nach lebenslanger Exposition letztlich zu einer durchschnittlichen Verringerung der Lebenserwartung um vier bis zehn Monate führen. Daher empfiehlt die WHO, alle Feinstäube als gleich toxisch zu behandeln. „Die WHO vertritt damit das Vorsorgeprinzip. Die EU hat dies durch gesetzliche Grenzwerte umgesetzt“, sagt Friedrich.

Selbstverständlich ist es kein schöner Schachzug, eine ganze Branche an den Pranger zu stellen. Gesetzlich festgelegte Grenzwerte für Ammoniak-Emissionen wären möglicherweise sogar anfechtbar. Ähnlich argumentiert jedenfalls eine Gruppe von über hundert Lungenfachärzten in einem Positionspapier zu Grenzwerten für Stickoxide. Doch solange eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden kann, bewegen sich auch diejenigen auf sehr dünnem Eis, die kritische Berichterstattung mit "Effekthascherei" und fehlendem wissenschaftlichen Anspruch abtun.



Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats