Steffen Bach zur Schweinehaltung

Frust mit dem Ringelschwanz

Der Verzicht auf das Kupieren ist in den meisten Ställen nicht zu verantworten. Statt in weiteren Projekten zuzuschauen, wie sich die Tiere gegenseitig blutig beißen, sollten die bisherigen Erfahrungen genutzt werden, die Haltungsbedingungen von kupierten Schweinen zu verbessern.

Ende Januar hatte die Landwirtschaftskammer Niedersachsen zu einer eintägigen Informationsveranstaltung zum Thema Ringelschwanz in das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem eingeladen. Der Termin musste abgesagt werden, weil sich nur zwei Landwirte abgemeldet hatten. Die Nachricht scheint auf den ersten Blick den Vorwurf zu bestätigen, dass Landwirte wenig Bereitschaft zur Veränderung zeigen und am liebsten ungestört von äußeren Einflüssen so weiter arbeiten wollen wie bisher. Doch so einfach ist es nicht. Viele Sauenhalter und Mäster haben in den vergangenen Jahren versucht, in Ihren Betrieben Tiere mit ungekürzten Schwänzen zu halten. Die Ergebnisse lassen sich in einem Satz zusammenfassen: In den vorhandenen Stallsystemen können Schweine mit unkupierten Schwänzen nicht gehalten werden.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden in Deutschland in der Regel Ställe mit Spaltenböden, unstrukturierten Buchten für 10 bis 15 Tiere, automatischen Lüftungs- und Fütterungssystemen gebaut. Die Baubehörden genehmigten diese Ställe in dem Wissen, dass darin nur Schweine mit kupierten Schwänze gehalten werden können. Doch das Kürzen der Schwänze um maximal ein Drittel ist nach europäischem Recht nur in Ausnahmefällen gestattet, wenn alle anderen Maßnahmen zur Vermeidung von Kannibalismus nicht wirken. Die Schweinehaltung in Europa begeht seit Jahren einen von staatlichen Stellen gedeckten doppelten Rechtsbruch. Was in Ausnahmefällen erlaubt ist, wurde zum Standard gemacht und statt eines Drittels wird den Ferkeln meist ein deutlich längerer Teil des Schwanzes abgeschnitten.


Aufgeschreckt von der gesellschaftlichen Kritik werden seit Jahren bundesweit Dutzende „Ringelschwanzprojekte“ finanziert, in denen erforscht werden soll, wie man etwas möglich macht, was man bisher nicht für möglich gehalten hat. In Nordrhein-Westfalen wurden Erfahrungen aus einem gerade abgeschlossenen Projekt veröffentlicht. Danach hatten zum Ende der Mast noch 28,3 Prozent der Tiere einen intakten Ringelschwanz. Das Ziel von 95 Prozent wurde damit in allen beteiligten Betrieben deutlich verfehlt. Politiker, Berater und Landwirte kommentieren solche Ergebnisse gerne mit Floskeln wie „wir müssen noch mehr Erfahrungen sammeln“ oder „vor uns liegt noch ein langer Weg“. Ehrlicher wäre es zu sagen: „Es geht nicht.“

Dieses Eingeständnis darf aber nicht zum Freifahrtschein dafür werden, nun wieder auf eingefahrenen Wegen weiterzugehen. Viele Erfahrungen aus den Projekten sind wertvoll. Der Qualität des Tränkwassers, des Stallklimas oder des Futters mehr Aufmerksamkeit zu schenken ist ebenso sinnvoll und notwendig, wie den Tieren Beschäftigungs- und Wühlmaterial zur Verfügung zu stellen. Und es wäre auch ein Fortschritt, wenn Tierhalter mehr Zeit im Stall verbringen würden, um kranke oder aggressive Tiere schneller zu entdecken und aus den Buchten zu entfernen. Darüber würden sich sicher auch Schweine mit kupierten Schwänzen freuen. Statt weiter in aus Steuergeldern finanzierten Projekten zuzuschauen, wie sich Schweine mit unkupierten Schwänzen gegenseitig blutig beißen, sollte man in einem ersten Schritt Erkenntnisse aus den Ringelschwanzprojekten breit in der Praxis verankern und durchsetzen, dass tatsächlich nur ein Drittel der Schwänze entfernt wird.

Langfristig stellt sich die Frage, wie ein Stall beschaffen sein muss, in dem man ohne einen überhandnehmenden Kannibalismus Schweine mit unkupierten Schwänzen halten kann. Vorbild können dabei jene Betriebe sein, die schon heute das 95-Prozent-Ziel erreichen, oder ihm zumindest sehr nahekommen. Doch die Unterschiede zu den klassischen Haltungssystemen sind enorm: Stroh statt Spaltenböden, sehr viel Platz, unterschiedliche Klimazonen und Aktivitätsbereiche, Zugang ins Freie. Die gesamte Schweinehaltung auf solche Haltungssysteme umzustellen, wäre eine Aufgabe von Jahrzehnten und würde Milliarden kosten. Doch langfristig wird an einer kompletten Umgestaltung der Schweinehaltung kein Weg vorbeiführen. Es sei denn, man legalisiert das routinemäßige Kürzen der Schwänze.

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