Dr. Per Brodersen: "Mit dem erneuten Angriff Russlands auf die Ukraine steht die Produktionsfähigkeit der ukrainischen Landwirtschaft in Frage."
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Dr. Per Brodersen: "Mit dem erneuten Angriff Russlands auf die Ukraine steht die Produktionsfähigkeit der ukrainischen Landwirtschaft in Frage."
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Für den ukrainischen und russischen Agrarsektor hat der Krieg, je länger dieser dauert, verheerende Folgen. Auch der Rest der Welt wird dies zu spüren bekommen. Der Geschäftsführer der German Agribusiness, Dr. Per Brodersen, schildert die Situation.

Der 24. Februar 2022 hat alles verändert: Mit dem Angriff Russlands auf seinen Nachbarn im Südwesten, die seit 1991 unabhängige Ukraine mit ihren 44 Millionen Einwohnern, stehen Frieden und Freiheit, Wohlstand und Ernährungssicherheit für Millionen von Menschen auf dem Spiel. Worauf müssen sich Agrarwirtschaft und -politik einstellen?

Der Russland-Ukraine-Konflikt wirkt weit über Angreifer und Angegriffene hinaus: Die Sorge um die eigene Sicherheit umtreibt viele Nachbarn Russlands, etwa das Baltikum und Kasachstan, sogar Finnland – dеr von Präsident Putin in seiner Rede kurz vor Einmarsch genannte Bezug auf ein „historisches Russland“ kann leicht als Vorwand für weitere Eroberungen dienen.

Vor dem Hintergrund von Sanktionen und Gegensanktionen gelten Transporte von und nach Zentralasien und China nun als risikoreicher und gefährdeter, sind umso anfälliger, je weiter sich die Lage zuspitzt. Vor allem aber treibt die Unsicherheit auf den Weltmärkten die Preise für commodities, der Weizenpreis verzeichnet ein Rekordhoch. Preisentwicklung, mangelnde Planbarkeit der Logistik, Exportbeschränkungen - vielen traditionellen Agrarhandelspartnern Russlands und der Ukraine (etwa in Nordafrika) drohen Versorgungsengpässe. Weltweit sind die Vorräte knapp, die Transportwege für lieferfähige Anbieter länger geworden.

Mangel an Erntehelfer:innen droht

In Europa drückte sich die Russland-Krise mit ihrem vorläufigen Tiefpunkt in Gestalt des Russland-Ukraine-Konflikts teilweise bereits in gestiegenen Energiepreisen aus – was auch Düngerproduzenten spürten, die die Produktion drosseln mussten. Durch Russlands Krieg gegen die Ukraine werden jetzt innerhalb der EU zunehmend Fahrer, aber später sicher auch Erntehelfer knapp, da viele von ihnen aus der Ukraine stammen und zum Wehrdienst mobilisiert werden. Auch dies setzt die Lieferketten länderübergreifend unter Druck.

Derzeit reichen die Szenarien von großem Optimismus (Rückzug russischer Truppen und diplomatische Lösung) bis zu wenig hoffnungsfrohen Varianten (Totalbesetzung der Ukraine durch Russland, Anwendung der westlichen Sanktionen auch für die ukrainische Landwirtschaft).

Leistungsfähiger ukrainischer Agrarsektor hat für Stabilität gesorgt

Der Ruf der Ukraine als „Kornkammer Europas“ ist legendär, der Anteil von Schwarzerde an der gesamten Landesfläche liegt bei 56 Prozent. Die Ernte von Getreide- und Hülsenfrüchten belief sich 2020 auf 70 Mio. t, von Sonnenblumen auf 13,1 Mio. t, von Raps auf 2,6 Mio. t.

Durch die 2021 eingeleitete Reform des Bodenmarkts können nach einem jahrzehntelangen Moratorium ukrainische Staatsbürger ihr Grundeigentum verkaufen bzw. weitere Flächen erwerben (ab 2024 auch juristische Personen; Ausländer sind weiterhin vom Handel ausgeschlossen) – dies hat neue Liquidität in den Sektor gebracht, die Landtechnikverkäufe allein aus Deutschland beliefen sich vergangenes Jahr auf über 350 Mio. € und erreichten damit ein historisches Allzeithoch.

Zur Person

Dr. Per Brodersen, Jahrgang 1974, ist Geschäftsführer der German Agribusiness Alliance beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft in Berlin. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Russisch in Berlin und St. Petersburg und promovierte im Fach Osteuropäische Geschichte über Königsberg-Kaliningrad. Seiner aktuellen Tätigkeit gingen berufliche Stationen bei der ZEIT-Stiftung in Hamburg, der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn, der Max Planck-Gesellschaft in Berlin und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin voraus.

Diese Leistungsfähigkeit des ukrainischen Agrarsektors hatte stets eine stabilisierende Funktion für die gesamte Volkswirtschaft des Landes und stand auch in Krisenjahren verlässlich für rund 10 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt – auch nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland 2014.

Landwirt zweifelt an Aussaat im Frühjahr

Mit dem erneuten Angriff Russlands auf die Ukraine steht die Produktionsfähigkeit der ukrainischen Landwirtschaft in Frage. Ein deutscher Landwirt, der seit 2005 in der Ukraine lebt und sich nun auf der Flucht befindet, äußerte jüngst Zweifel. Gegenüber der DLG sagte Alexander Zein: Er sei skeptisch, ob es überhaupt zu einer großflächigen Aussaat der Sommerungen im Frühjahr kommen werden könne.

Viele Ukrainer greifen zu den Waffen, um den Angriff auf ihr Land durch die russische Armee aufzuhalten und zurückzuschlagen – für die Bestellung von Flächen werden deshalb Arbeitskräfte und Treibstoff fehlen, ebenso für das Einbringen einer Ernte.

Ukrainische Staatsbahn will einspringen

Mit Fragezeichen versehen sind auch Logistik und Lagerung der einzubringenden Ernten – hier wird sich die unmittelbare Entwicklung der militärischen Situation auf Zustand und Nutzbarkeit von Infrastruktur inklusive Straßen und Lagerhäusern auswirken. Zudem sind Ausfuhrhäfen wie Odessa gesperrt. Zwar will die ukrainische Staatsbahn einspringen, kann aber bei Weitem nicht alle Exportdestinationen erreichen. Auch die Weiterverarbeitung ist unsicher.

Um die eigene Bevölkerung ausreichend versorgen zu können, hat die ukrainische Regierung am vergangenen Sonntag den Export u.a. von Roggen, Hafer, Hirse, Zucker und Fleisch ausgesetzt; Exporteure von Sonnenblumenöl, Weizen und Hühnerfleisch benötigen entsprechende Lizenzen – auch für Mais, dessen Preisanstieg durch die aktuelle Entwicklung nicht gedämpft werden wird.

Russland stützt inländischen Agrarsektor mit hohen Subventionen

Russlands Angriff auf die Ukraine bleibt auch für Russland selbst nicht ohne Folgen: Die Europäische Union und die USA mit ihren Partnern haben harte Wirtschaftssanktionen verhängt, auf die wiederum Russland mit Strafmaßnahmen reagiert. Nach innen ist Russlands Versorgung gesichert – wenn auch zu einem hohen Preis: Der Agrarsektor ist produktiv, gestützt durch hohe staatliche Subventionen; gleichzeitig reguliert die Politik die Agrarexporte, etwa mit am Weltmarktpreis orientiertem Ausfuhrzoll auf Getreide. Der Brotpreis hat in Russland eine immens hohe politische Bedeutung und sein Anstieg würde kaum zugelassen.

Agrarexporteure unter Druck

Schwieriger ist die Situation für Agrarexporteure. Nicht nur sind ihre Güter teilweise mit Ausfuhrzöllen belegt, auch Zahlungen und Logistik werden schwieriger. 70 Prozent der russischen Banken sind vom zentralen internationalen Zahlungssystem Swift abgekoppelt worden, was Zahlungen für Exporte erschwert; Dienstleister wie die Russische Staatsbahn sind Ziel von Finanzsanktionen (die in Richtung Geschäftsverbot münden können), auch die Nutzung von Russlands Schwarzmeerhäfen ist im Extremfall von der Genehmigung der Bosporus-Passage durch das Nato-Mitglied Türkei abhängig. Offen ist, wie sehr Russlands Armee Transportkapazitäten bindet, die in Friedenszeiten für Warentransporte zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig kommt die Versorgung Russlands mit modernen Agrartechnologien ins Stocken, weil auch hier Zahlungswege und Logistik an ihre Grenzen stoßen – was sich absehbar auf Russlands Agrarproduktivität auswirken wird. Zudem ist der Kurs der russischen Währung mit knapp 144 Rubel für 1 Euro auf historische Tiefststände abgestürzt – was schon allein den Kauf ausländischer Technik extrem erschwert. Die einzige Sicherheit, die wir derzeit haben? Eine Rückkehr zum Zustand vor dem 24. Februar ist ausgeschlossen.

German Agribusiness Alliance

Die German Agribusiness Alliance ist nach eigenen Angaben eine Initiative führender Verbände und Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Sie dient als Plattform für den Austausch und die Bündelung wirtschaftlicher Interessen bei der Zusammenarbeit mit Transformations-, Schwellen- und Entwicklungsländern mit den Regionalschwerpunkten Osteuropa/Zentralasien, Asien und Afrika.

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