Gastbeitrag von Jeroen Gehlen

Plan B: Wie alternative Transportwege die Logistik der Zukunft wappnen

Jeroen Gehlen hält eine Mischung aus ineinandergreifenden Frachtmöglichkeiten für die nachhaltigste Variante.
Foto: Wuunder
Jeroen Gehlen hält eine Mischung aus ineinandergreifenden Frachtmöglichkeiten für die nachhaltigste Variante.
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Der Krieg in der Ukraine und die steigenden Benzinpreise stellen die Logistik vor ungeahnte Herausforderungen. Aber nicht nur die andauernde Kriegssituation zeigt, dass es Handlungsbedarf für Alternativen in Ausnahmesituationen gibt.

Der russische Angriffskrieg belastet die ukrainische Bevölkerung seit Ende Februar sehr. Millionen Menschen entschlossen sich zu fliehen, Tausende verloren ihr Leben. Die Auswirkungen des Krieges haben längst die ukrainischen Grenzen überquert und stellen die globale Wirtschaft in vielerlei Hinsicht vor riesige Herausforderungen. Sie zeigen gleichermaßen, wie wichtig Alternativpläne auch in der Logistik sind.

Im Ernstfall: Versorgung muss sichergestellt werden

Durch die andauernde russische Blockade der Schwarzmeerhäfen kann die Ukraine nur einen Teil ihrer Agrargüter exportieren. Die Folgen sind steigende Lebensmittelpreise und die Sorge vor Hungerkrisen in afrikanischen Ländern und im Nahen Osten, die besonders von den russischen und ukrainischen Weizen- und Mais-Lieferungen abhängig sind. Es gilt, sich über alternative Exportrouten Gedanken zu machen. Denn laut dem Statistischen Bundesamt dürfte sich die aktuelle Situation auch im deutschen Seeverkehr bemerkbar machen.

Dies schlägt sich nicht nur in dem Fakt nieder, dass Russland 2021 mit 24,5 Mio. t der größte Handelspartner deutscher Häfen war. Auch der Handel mit der Ukraine stieg um 4,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und bestand zum Großteil aus Wareneingängen. Während des jüngsten G7-Treffens der EU-Außenminister:innen wurde über Optionen beraten, denn Alternativen über den Flugverkehr oder die Sicherung der Häfen gestalten sich durch den Zwiespalt des militärischen Eingriffs schwierig.

Schienenverkehr mit großem Potenzial

Dadurch rückt zunehmend der Transport über Schienen, Straßen und Flüsse beziehungsweise Kanäle in den Vordergrund. Der Transport per Schiff ist immer umweltfreundlicher als der Transport auf der Straße. Obwohl der Güterverkehr zu diesem Zeitpunkt umweltschonender und kostengünstiger als per LKW ist, verläuft dessen Ausbau europaweit ziemlich langsam. Die Streckennetze sind sehr überlastet und vor allem an bestimmten Knotenpunkten verstopft, da vielerorts Personenzüge und Nah- und Fernverkehrsbahnen priorisiert werden. Durch die daraus resultierenden Verspätungen gilt der Schienengüterverkehr als unzuverlässig.

Die angekündigten Pläne der EU-Kommission in Bezug auf die Exportrouten befinden sich noch in der Ausarbeitung. Es ist noch nicht beschlossen, wie die Problematik der unterschiedlichen Schienenbreiten, hohen Strompreise und langwierigen Kontrollen an den Landesgrenzen gelöst werden kann. Das Potenzial des Schienenverkehrs als umweltfreundliches und wirtschaftliches Mittel für große Warenvolumen ist jedoch unbestreitbar.

Flexibel und am meisten genutzt – die Kraftfahrzeuge

Kraftfahrzeuge sind mit mehr als 70 Prozent das am häufigsten genutzte Transportmittel im gesamten Gütertransport. Auch der europäische Fokus liegt auf der Modernisierung von Straßen und LKW. Konkurrenzfrei bleiben die Kraftfahrzeuge im Nahverkehr, da sie nicht an feste Routen gebunden sind und von überall mit Waren beladen werden können. Mit dieser Flexibilität kann man weder auf Schienen noch auf dem Wasser arbeiten.

Umgekehrt verfügen LKW nicht über dasselbe Ladevolumen wie beispielsweise Züge und kommen durch Hindernisse wie Staus oder Sperrungen in zeitlichen Verzug. Aus klimafreundlicher Perspektive ist der Ausstoß an Emissionen auch ein wichtiges Argument. In einigen Ländern werden deshalb bereits elektronische LKW getestet. Man darf gespannt bleiben, ob sich diese Variante im Güterverkehr durchsetzen kann, und wie groß die Auswirkungen von fehlenden Materialien wie Computerchips sein werden.

Mit einem Plan B oder C auf der sicheren Seite

Der Krieg in der Ukraine und die immer spürbarer werdenden Auswirkungen der Klimakatastrophe zeigen, wie wichtig die richtige Vorbereitung auf Krisensituationen ist. Die Versorgung der Bevölkerung – nicht nur im Hinblick auf Grundnahrungsmittel – muss sichergestellt werden. Um dies zu erreichen, muss die Logistik mit alternativen Transportmöglichkeiten ausgestattet sein. Abhängig von Ware, Budget und Zeitplan kommen unterschiedliche Transportformen in Frage. Oft ist eine Mischung aus ineinandergreifenden Frachtmöglichkeiten die nachhaltigste Variante. Eine lokale Lagerung würde die Verbindung mit grünen Lieferungen ermöglichen und eine flexible Lieferkette schaffen. Damit entstehen Alternativpläne für den Ernstfall – ohne das alleinige perfekte Verkehrsmittel, das im Übrigen auch nicht existiert.

Der Autor Jeroen Gehlen ist Mitgründer der internationalen Online-Transportmanagement-Plattform Wuunder.
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