Gastkommentar von Barbara Otte-Kinast (CDU)

Wir können den Vorwärtssalto

Barbara Otte-Kinast (CDU), Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen
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Barbara Otte-Kinast (CDU), Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen
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Anfang der Woche erhöhte der Discounter Aldi seine Preise. Das dritte Mal innerhalb kürzester Zeit. Neben hohen Transportkosten und steigenden Energiepreisen setzt die andauernde Pandemie den Unternehmen zu.

Der schreckliche Krieg in der Ukraine hat diese Situation noch einmal verschärft. Seitdem klar ist, dass die Rohstoffe aus der Ukraine fehlen, ist das Thema Ernährungssicherheit am deutschen Küchentisch gelandet. Unsere Landwirte und Landwirtinnen sind gut ausgebildet und erledigen ihren Beruf mit großer Weitsicht. Das wird in der aufgeregten politischen Diskussion leider oft vergessen. Mir herrscht zu viel Misstrauen gegenüber einem Berufsstand, der unsere Mittel zum Leben produziert. Sollte nicht gerade der neue grüne Bundesminister damit beginnen, Vertrauen zu schaffen?

Landwirte und Landwirtinnen sind keine Hinterwäldler, die vorsätzlich Tiere quälen und die Umwelt verpesten. Sie haben sich schon lange auf einen Weg gemacht, der Vertrauen verdient. Etwa mit Leuchtturmprojekten wie FINKA, um die Biodiversität zu fördern, Energieerzeugung, Ökomodellregionen, Wasserschutz und dem „Niedersächsischen Weg“. Bei allen Maßnahmen geht es um den gemeinsamen Willen, innovativ etwas für die Zukunft zu verbessern. Da von einem „Rollback“ zu sprechen, zeugt von Realitätsverweigerung. Warum traut man der Branche nicht einen „Vorwärtssalto“ zu? Wir verfügen in Europa über große Produktionskapazitäten und genügend Kaufkraft, um im Notfall auf dem Weltmarkt einzukaufen. Können wir uns deshalb zurücklehnen? Nein! Wir müssen jetzt handeln. Europa ist keine Insel. Es hat eine Verantwortung, um die Welternährung sicherzustellen. Wir haben klimatische Vorteile, das Know-how und die Technik, um hohe Erträge zu erzielen. Wie soll man einem hungernden Menschen erklären, dass 4 Prozent wertvolle Ackerfläche ab 2023 in der EU nicht bestellt werden? Es geht darum, kurzfristig eine Notsituation zu lösen, ohne die langfristigen Ziele für das Klima aus den Augen zu verlieren.

In den Lagerhäusern dieser Welt liegt Getreide für die nächsten 100 Tage. Die Ernährung der Weltbevölkerung hängt davon ab, dass in diesen 100 Tagen wieder irgendwo auf der Welt Ernte ist. Wenn die größten Weizenexporteure auf der Nordhalbkugel ausfallen und Südamerika, der größte Agrarexporteur auf der Südhalbkugel, unter einem Mangel an Düngemitteln leidet, dann sind erhebliche Engpässe zu erwarten. Diese führen zu dramatisch steigenden Preisen. Weniger Weizen heißt weltweit auch mehr Hunger. Die politische Stabilität vieler Länder gerät dadurch in Gefahr.

Was gilt es zu tun? 1. Ökologische Vorrangflächen für die Lebensmittelerzeugung nutzen: Kulturen gedeihen nur mit ausreichend Pflanzenschutz und Düngung. Sonst wächst da nur Giersch. 2. Die geplante Stilllegung bei der GAP verschieben. 3. Teller statt Tank: die Biokraftstoffproduktion auf den Prüfstand stellen. 4. Den Umbau der Nutztierhaltung vorantreiben und die dafür dringend nötigen Gesetzesgrundlagen so schnell wie möglich verabschieden.
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