Gastkommentar von Dr. Oleksandr Perekhozhuk

Weizen wird zur Waffe

Dr. Oleksandr Perekhozhuk
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Dr. Oleksandr Perekhozhuk
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Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine will die russische Machtelite einen unliebsamen Konkurrenten auf dem Agrarmarkt loswerden, glaubt Dr. Oleksandr Perekhozhuk vom Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien. Er analysiert in seinem Gastbeitrag die Beweggründe.

In der Mitte Europas tobt ein Krieg, den der russische Präsident mit Zustimmung des russischen Parlaments - der Duma - am 24. Februar 2022 um 4 Uhr morgens gegen den souveränen und demokratischen Staat Ukraine begonnen hat. Viele fragen sich heute, wie dies im Zentrum Europas geschehen konnte? Warum versucht der russische Präsident, die demokratisch gewählte Regierung in der Ukraine zu stürzen, den freien und souveränen Staat der Ukraine zu besetzen und die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören? Was bewegt den russischen Präsidenten dazu, Zivilisten in ukrainischen Städten barbarisch zu bombardieren und mit Raketen zu beschießen?

Viele Experten und Politiker sind sich einig, dass der russische Präsident die Ukraine besetzen und in Kiew eine gehorsame prorussische Regierung einsetzen will. Als Wissenschaftler, der sich in seiner Forschung mit Industrieökonomie, internationalem Handel, Marktstruktur und Preisbildung auf nationalen und internationalen Agrar- und Lebensmittelmärkten beschäftigt und insbesondere die Nutzung von Marktmacht und Preisdiskriminierung durch russische Getreide- und Düngemittel-Exporteure untersucht hat, sehe ich, dass der russische Präsident und seine Oligarchen-Diener viel mehr erreichen wollen. Als Wissenschaftler fühle ich mich verpflichtet, die ganze Welt und vor allem die Politiker in der EU und USA, sowie auch in Ländern des Nahen Ostens, Afrikas und Asiens zu warnen, und die wahren Gründe für Russlands Krieg gegen die Ukraine zu erläutern.

Russland hat wirtschaftliches Interesse

Als Wissenschaftler, der mit ökonometrischen Methoden und Ansätzen arbeitet, bin ich mir jedoch bewusst, dass meine Erklärungen zu den wahren Gründen des Krieges Russlands gegen die Ukraine heute von vielen Experten, insbesondere den so genannten „Putin-Verstehern“, als unzureichend belegt angesehen werden. Viele Experten und Politikern werden mir jedoch zustimmen, dass nicht nur der russische Präsident, sondern auch russische Oligarchen ein wirtschaftliches Interesse an der Besetzung der Ukraine haben.

Russland hat als Land sowohl ein politisches als auch ein wirtschaftliches Interesse an der Besetzung der Ukraine, die aus Sicht des russischen Präsidenten und der russischen Oligarchen als „Lösung“ der geopolitischen Frage bezeichnet werden kann.

Monopolistische und oligopolistische Marktstrukturen

Um zu herauszufinden, wie sich der russische Präsident, sein Parlament – die Duma, seine Regierung und die Oligarchen eine „Lösung“ der geopolitischen Frage vorstellen, muss man weder den russischen Präsidenten noch Russland verstehen, sondern die russischen Sitten, Gewohnheiten und Traditionen kennen. Die Existenz der russischen Wirtschaft beruht auf der Dominanz monopolistischer und oligopolistischer Marktstrukturen, die die Preisbildung sowohl auf dem nationalen als auch auf dem internationalen Markt beeinflussen können. Fast alle Sektoren der russischen Wirtschaft sind von staatlichen Unternehmen monopolisiert oder werden von russischen Oligarchen kontrolliert. Dazu gehört nicht nur die staatliche Monopolisierung in Sektoren wie Energie und Rohstoffe, Bergbau, Handel, Verkehr und Kommunikation, sondern auch das verarbeitende Gewerbe, einschließlich der Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Förderung von landwirtschaftlichen Großbetrieben

Es ist allgemein bekannt, dass in Russland die Produktion, Lieferung, Lagerung und der Handel mit allen Arten von Energierohstoffen von staatlichen Unternehmen wie Gazprom, Rosneft und Lukoil kontrolliert werden. Neben Gazprom und Lukoil gehörte der russische Staatskonzern Rosneft, dessen Aufsichtsrat der ehemalige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland vorsitzt, zu den zehn größten Gas- und Mineralölunternehmen der Welt. Auch im Agrar- und Lebensmittelsektor unterstützt und fördert die russische Regierung nicht kleine Familienbetriebe, sondern große Agrarunternehmen, die heute weltweit als Agrarholdings bekannt sind.

Einfluss auf weltweite Lebensmittelpreise

Jeder weiß, dass Russland als weltweit größter Exporteur von Erdgas und Erdöl auch die Energiepreise nicht nur in vielen europäischen Ländern, sondern weltweit beeinflusst und dies in naher Zukunft noch stärker tun könnte. Als Wirtschaftswissenschaftler möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass die Elastizität der Energiepreise in jedem Fall größer sein wird als die Elastizität der Lebensmittelpreise, insbesondere die Elastizität der Brotpreise. Viele Experten fragen mich vielleicht etwas verwundert, was die Preiselastizität von Energieträgern und Lebensmitteln damit zu tun hat. Als Wirtschaftswissenschaftler, der sich seit 20 Jahren mit der Frage der Preisbildung auf den nationalen und internationalen Agrar- und Lebensmittelmärkten beschäftigt, möchte ich betonen, dass die Antwort auf diese Frage die wahren Gründe für den Krieg Russlands gegen die Ukraine erklärt.

Ukraine als Teil einer „Getreide-OPEC“

Als Land mit der größten Ackerfläche der Welt hat sich Russland in den vergangenen 15 Jahren zu einem der wichtigsten Weizenexportländer der Welt entwickelt. Doch Russland muss als Anbieter auf dem Weltmarkt für Weizen und Weizenprodukte nicht nur mit Ländern wie EU, Kanada, USA, und Australien konkurrieren, sondern auch mit Nachbarländern, vor allem mit der Ukraine, aber auch mit Kasachstan. Kasachstan ist als Land, das keinen direkten Zugang zu Welthäfen hat, gezwungen, seinen Weizen mit russischen Eisenbahnen zu Häfen im Schwarzen Meer zu transportieren. Wegen dieser geografischen Lage steht der Export von Weizen aus Kasachstan auf den Weltmarkt praktisch unter der Kontrolle Russlands.
„Getreide-OPEC“
Die Gründung einer Plattform, die Getreideexporte aus Russland, der Ukraine und Kasachstan koordinieren soll, stand erstmals 2007 als „Black Sea Grain Pool" zur Diskussion. Schnell war auch von einer „Getreide-OPEC“ die Rede, wenngleich sich damals die Marktbedeutung der Schwarzmeerexportländer keinesfalls mit der Macht der in der OPEC zusammengeschlossenen Erdölförderländer messen lassen konnte. Der Antrieb für den Getreide-Zusammenschluss kam damals aus Russland, Widerstand hingegen von Anfang an aus der Ukraine, die sich eher Richtung Westeuropa orientieren wollte. Weitere Anläufe der Initiative in den Jahren 2009 und 2011 blieben ebenfalls ohne Erfolg.

Die Ukraine als Land mit den größten Schwarzerdeflächen und dem fruchtbarsten Boden der Welt, freiem und direktem Zugang zum Weltmarkt, mit einer sehr entwickelten Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer konkurriert erfolgreich mit Russland auf dem Weltweizenmarkt. In den Augen russischer Oligarchen stellt aber die Ukraine eine Bedrohung für Russland als Konkurrenzland auf dem Weltweizenmarkt dar. Bereits vor 15 Jahren versuchten Russland und Kasachstan, die Ukraine zu Gesprächen über die Gründung der sogenannten „Getreide-OPEC“ einzuladen, um der Zusammenschluss der drei Länder der Schwarzmeerregion zu diskutieren. Der „Getreide-OPEC“ soll die Weizenpreise koordinieren und für „Stabilität“ auf dem Getreidemarkt sorgen.

Ukraine vom Schwarzen Meer abschneiden

Mit der Besetzung des Südens der Ukraine werden der russische Präsident und die russischen Oligarchen jetzt ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen können. Wenn die Ukraine ihre Ländereien im Süden verliert, wird sie auch den freien und direkten Zugang zum Weltmarkt verlieren. In diesem Fall wäre Russland in der Lage, alle ukrainischen Weizenexporte zu kontrollieren. Sollte Russland den gesamten Getreidehandel in der Schwarzmeerregion kontrollieren, könnte Russland Getreide als neue „Nahrungsmittelwaffe“ einsetzen. Die „Nahrungsmittelwaffe“ ist gefährlicher als „Erdgaswaffe“ oder „Erdölwaffe“, sogar gefährlicher als russische Raketen oder Bomben.

Folgen für Afrika, den Nahen Osten und Asien

Genau davor warne ich die Politiker in der EU und den USA sowie im Nahen Osten, in Afrika und Asien. Die Preiselastizität der Energienachfrage ist elastischer, und wenn die Energiepreise steigen, können alternative Lösungen für die Energieversorgung gefunden werden. Die Preiselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln, insbesondere Brotgetreide, ist weniger elastisch und sogar in ärmeren Regionen der Welt unelastisch. Erstens, es ist schwierig, Alternativen zu Brotgetreide zu finden. Zweitens wird bei einem Blick auf die Geografie der Weizenexporte der drei Länder der Schwarzmeerregion, Russland, Ukraine und Kasachstan, deutlich, dass diese drei Länder in die bevölkerungsreichsten Regionen der Welt exportieren: Afrika, den Nahen Osten und Asien.

Nahrungsmittel als Waffe

Die barbarischen Bomben- und Raketenangriffe auf die Zivilbevölkerung in der Ukraine machen deutlich, dass Russland seine Position auf dem Weltgetreidemarkt definitiv ausnutzen und die Gelegenheit ergreifen wird, den Exporthandel mit Weizen als „Nahrungsmittelwaffe“ einzusetzen. Dies könnte mehrere Folgen haben. Erstens könnten die Preise für Getreideexporte steigen, ebenso wie die Erdgas- und Ölpreise. Zweitens könnte Russland mit einer „Nahrungsmittelwaffe“ die Loyalität vieler Regierungen in Afrika, dem Nahen Osten oder Asien leichter kontrollieren oder sogar steuern. Drittens ist auch nicht auszuschließen, dass Russland eine künstliche Welternährungskrise oder sogar eine künstliche Hungersnot in verschiedenen Teilen der Welt auslösen könnte. Dies könnte zu einer Massenmigration von Menschen aus den ärmeren Regionen der Welt führen, was noch größere soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderungen für die ganze Welt mit sich bringen würde.
Zur Person
Dr. Oleksandr Perekhozhuk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle. Er studierte 1991 bis 1996 Agrarökonomie in Kiew. Im Jahr 2000 folgten ein Masterabschluss an der Agrarfakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und die Promotion an der MLU, in der Perekhozhuk mit Marktstrukturen und Preisbildung auf dem ukrainischen Milchmarkt analysierte. Seit 2007 ist arbeitet er für die IAMO. Dort befasst er sich in internationalen Projekten mit Fragen der Welternährung und der Globalisierung der ukrainischen Ernährungswirtschaft.
  1. Daniel Dengler
    Erstellt 17. März 2022 20:33 | Permanent-Link

    Sehr informativer Artikel. Genau dieselben Aussagen kommuniziere ich petdönlich seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.

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