Gastkommentar von Jörg Reuter

Was passiert mit den restlichen 70 Prozent?

Jörg Reuter, Head of Food Campus Berlin und Geschäftsführer Artprojekt Nature & Nutrition.
Foto: Tobias Meyer
Jörg Reuter, Head of Food Campus Berlin und Geschäftsführer Artprojekt Nature & Nutrition.
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Eine Reaktion auf den az-Leitartikel „30 Prozent Bio allein reicht nicht“.

Ich verstehe den grundsätzlichen Punkt, dass Technologie helfen kann, Betriebsmittel gezielter einzusetzen und Tierbestände optimaler zu führen. Zu postulieren, dass wir gerade „den Übergang von einer industriellen zu einer intelligenten Landwirtschaft erleben", finde ich einen kernigen Satz, aber er ist natürlich auch nur ein kleiner Ausschnitt der Realität. Zunächst blendet er das Spannungsfeld zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und industrieller Landwirtschaft komplett aus. Er blendet aus, dass wir uns zum Teil in so intensive Produktionssysteme reinmanövriert haben, in denen mehr intelligente Technologie helfen kann, aber keine grundsätzlichen Fragen von einseitiger Züchtung auf bestimmte Leistungsparameter bei Tieren löst.

Auch das Thema Bodenaufbau ist zunächst eher eine systemische als eine Hightech-Frage. Statt „Bio alleine reicht nicht" würde ich sagen: „Lasst uns reden, was mit den übrigen 70 Prozent der Landwirtschaft passiert." Vor einigen Jahren gab es mal um Urs Niggli, damals Fibl-Präsident, eine sehr interessante Diskussion um „Bio 3.0". Dort ging es darum, ein zweites „Bio“ zu schaffen, mehr Technologie zuzulassen und Richtlinien zu entschlacken. Ziel war, 40 bis 50 Prozent der Landwirt:innen zu erreichen. Zusätzlich zum klassischen Bio. Diese Diskussion ist leider im Sande verlaufen. Zu groß waren die Sorgen der Öko-Bewegung, dass der Bio-Begriff dann im Kern verschwimmt. Höchste Zeit, die Diskussion wieder aufzunehmen.

Wie auch immer die künftigen Landwirtschaftssysteme heißen, wie viel Technologie dort stattfinden wird: Wir sind mitten in einer notwendigen Transformation. Abgesehen von Tierwohlfragen tragen Lebensmittel heute einen sehr deutlich negativen Beitrag zur Überschreitung der ökologisch-planetaren Grenzen bei.

Das wiederum förderte in den vergangenen Monaten einen Hype um das Food-Tech-Thema „Zelluläre Landwirtschaft“ wie Fleischzellenvermehrung in Bioreaktoren. Aktuell vergeht gefühlt keine Woche, in der nicht lobgepriesen wird, wie wir scheinbar alle Probleme damit lösen, Fleisch nicht mehr auf der Weide oder im Stall, sondern im Bioreaktor zu erzeugen.

Natürlich ist es richtig, wenn es gelingt, zu marktfähigen Preisen einen Teil der Fleischmenge in Reaktoren zu erzeugen. Die Zellvermehrung im Reaktor ist um ein Vielfaches schneller als auf der Weide. Aber: Zellvermehrung braucht Nährsubstrate. Diese Nährsubstrate sind im optimalen Fall pflanzlichen Ursprungs. Eine zelluläre statt klassische Landwirtschaft ist deshalb auch hier die falsche Diskussion. Es ist die zelluläre Landwirtschaft in Verbindung mit klassischer Landwirtschaft.

Cem Özedemir hat vorgelegt: 30 Prozent Ökolandbau ist ein ambitioniertes Ziel. Ich drücke die Daumen, dass es gelingt. Die Branche ist nun gefordert, sich mit den verbleibenden 70 Prozent zu beschäftigen und wie wir diese – gerne mit „intelligenter Landwirtschaft“ – weiter substanziell nachhaltiger zu machen.

Mit dem Food Campus Berlin schaffen wir eine systemoffene Plattform für Lösungen im Sinne von „Planetary Health Solutions“. Wir verstehen den Food Campus als Transformationsbeschleuniger. Im Spannungsfeld zwischen globalen Nachhaltigkeits-Herausforderungen, regionalen Wertschöpfungsketten, Futuretech und Kochkunst gilt es, Tür an Tür – und wo immer möglich, Hand in Hand – ganzheitliche Lösungen gemeinsam zu erarbeiten.

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