Gastkommentar von Karl Bär

Halber Fleischkonsum hilft Ernährungssicherung

Karl Bär, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen
Bündnis 90/Die Grünen/Kaminski
Karl Bär, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen
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Der brutale Überfall der russischen Armee auf die Ukraine hatte sofort Auswirkungen auf die Märkte für Agrarrohstoffe. Die Preise für Getreide sind extrem gestiegen, weshalb sich immer weniger Menschen Grundnahrungsmittel leisten können.

Wir in Europa sind durch unseren Reichtum und die Produktivität unserer Landwirtschaft zwar davor geschützt, hungern zu müssen. Aber mit Blick auf die über 800 Millionen Menschen, die schon vor Beginn des Krieges nicht genug zu essen hatten, und drohende neue Hungerkrisen sollten wir versuchen, unseren Anteil an der Welternährung zu verbessern.

Trotz der hohen Produktivität pro Hektar, trotz der Maschinen, Pestizide und Düngemittel, die sich landwirtschaftliche Betriebe in der EU leisten können: Wir importieren mehr, als wir exportieren – sowohl auf Kalorien als auch auf Proteine gerechnet. Einen Teil davon verheizen wir einfach: 5,7 Mio. t Weizen, 5 Mio. t Mais, 8,1 Mio. t Zuckerrüben, 5 Mio. t Rapsöl, 2,6 Mio. t Palmöl und über 1 Mio. t Sojaöl landeten im Jahr 2019 in der EU als Ethanol oder Biodiesel in Verbrennungsmotoren.

Eine noch größere Verschwendung von Nahrungsmitteln entsteht aber durch die hohe Tierproduktion, denn aus sieben pflanzlichen Kalorien entsteht lediglich eine tierische. Fast zwei Drittel des Getreides in der EU werden verfüttert. Darunter waren in 2019/2020 fast 50 Mio. t Weizen, 37 Mio. t Gerste und 69 Mio. t Mais. Hinzu kommen weitere Futtermittel – wie rund 53 Mio. t Soja und Ölsaaten, die zu über 70 Prozent importiert werden.

Vor diesem Hintergrund müsste Europa weniger Fleisch produzieren, um mehr für die Welternährung zu tun. Obendrein würden wir gesünder leben, wenn wir weniger Fleisch äßen. Analog dazu entwickelten französische Wissenschaftler:innen im Jahr 2018 im Auftrag der französischen Regierung ein radikal agrarökologisches Modell, das in sich kohärent ist, auf wissenschaftlichen Grundlagen basiert, 530 Millionen Menschen in Europa ernährt und Platz hat für kulturelle Genüsse wie Wein und Fleisch. Die Forscher:innen des Thinktanks „Institute for Sustainable Development and International Relations“ stellten in ihrer Studie „An agroecological Europe in 2050: multifunctional agriculture for healthy eating“ folgendes Modell vor: Die Erträge fallen um ein Drittel, weil keine Pestizide und kein Kunstdünger zum Einsatz kommen und 10 Prozent der Fläche primär der Biodiversität dienen. Dafür wird der Fleischkonsum fast halbiert und die Nutzung von Nahrungsmitteln zur Energieproduktion weitgehend beendet. Dabei wird die EU weder vollständig autark noch hört sie auf, zu exportieren. Doch im Saldo verbessert sich ihr Beitrag zur Welternährung.

Die Ukraine lieferte in 2021 die Hälfte des Weizens für das Welternährungsprogramm. Dessen Direktor sagte der Presse, sie müssten wegen des Krieges „unsere Hilfe den Hungernden nehmen, um sie den Verhungernden zukommen zu lassen“. Wieso nehmen wir das Getreide nicht den Schweinen und Autos?

Wir könnten einen Teil der Ausfälle durch den Krieg in der Ukraine kompensieren, wenn wir weder Ethanol noch Biodiesel dem Sprit beimischen und zudem Tierzahlen und Fleischkonsum schnell senken. Die intensive Landwirtschaft in Europa führt nicht dazu, dass die Ernährung der Welt gesichert ist. Im Gegenteil: Die aktuelle Agrarproduktion entzieht Rohstoffe für Nahrungsmittel, weil so viele Tiere gehalten werden. Das können wir uns nicht länger leisten.
  1. Volker Dreses
    Erstellt 1. April 2022 11:54 | Permanent-Link

    Die Förderung von Biokraftstoffen und besonders Bioenergie - Biogasanlagen- war von den Grünen immer gefordert worden. Jetzt auf einmal ist alles anders? Immerhin tragen die biogasanlagen zu 8% der Primärenergie bei! Jetzt bekommen wir kein Gas mehr, stellen alle Kraftwerke ab und verzichten noch auf die 8% ? Die Rechnung für die tierernährung vergisst, dass viele Futtermittel Abfallprodukte sind( sojaextraktionsschrot) . Gleichzeitig ernähren sich die Wiederkäuer vom Grünland und als Nebenprodukt fällt der besonders von den Biobetrieben geliebte organische Dünger an. Und komplett auf Kunstdünger und Pestizide zu verzichten, wäre die Errungenschaften der letzten 80 Jahre aufzugeben, warum s y gr Özdemir denn, dass wir im Augenblick eine gute Selbstversorgung haben . Soll die jetzt aufs Spiel gesetzt werden? Corona und putin sollten uns doch eines besseren belehren. Volker Dreses, Warstein

  2. Richard Wermuth
    Erstellt 1. April 2022 13:39 | Permanent-Link

    wieder mal eine Stellungnahme zur Ernährung eines Grünen Politikers der leider keine Ahnung von Landwirtschaft hat und auch die komplexen Zusammenhänge nicht kennt. Nur soviel: Biolandwirtschaft, Tierhaltung halbieren und Verzicht auch mineralischen Dünger ist in sich schon ein Widerspruch, denn man sollte (wenn man solche Kommentare in die Öffentlichkeit los lässt) schon wissen, dass auch Pflanzen Nährstoffe brauchen und wenn diese nicht über mineralischen Dünger kommen, dann müssen diese aus der Tierhaltung kommen, so einfach ist das. Wenn wir aber auch keine Nutztiere mehr wollen, dann geht die Rechnung irgendwann nicht mehr auf (bezogen auf den Nährstoffentzug). Und wenn wir die Rechnung dann zu Ende rechnen und wissen, das die Ertragsleistung der Biolandwirtschaft gerade mal 50-60% der konventionellen Landwirtschaft erreicht, dann erübrigt sich jeder weitere Kommentar bezüglich Ernährungssicherheit weltweit. Dann nutzt es auch wenig, wenn wir unsere Biogasanlagen abschalten und keinen Sprit mehr aus "Pflanzen" herstellen.
    Ein Wiederkäuer setzt für Menschen nicht nutzbare Pflanzen in hochwertiges Fleisch um, auf diesen Flächen wächst i.d.R. auch kein Weizen oder ähnliches für die menschliche Ernährung geeignetes. Und ein Huhn erreicht heute eine Futterverwertung von unter 1:1,5, heißt: mit 1,5 Kilo Futter kann ich1 kg Fleisch produzieren. Also ist seine "Milchmädchenrechnung" von einer Kalorie zu sieben Kalorien auch schon widerlegt.
    Solchen Leuten kann man nur einen Tipp geben: "zuerst denken, dann reden"

  3. Dieter Fritz
    Erstellt 2. April 2022 11:38 | Permanent-Link

    von Jochen Böhrer

    Wie kommt die agrarzeitung dazu, einen grünen Laienprediger seine wirren Thesen absondern zu lassen? Meine Antwort an ihn:
    "Ich frage mich, wieso man einen absoluten Laien in der agrarzeitung seinen Quatsch verbreiten lassen darf? Sind Sie ein Fan von Russengas und anderen fossilen Energien? Bei anderer Gelegenheit geht die Polemik genau andersrum. Beim Soja beispielsweise. Da wird nur die nutzung des Extraktionsschrotes als Futter angeprangert und die Ölnutzung völlig verschwiegen. Bei hierzulande angebauten Energiepflanzen hingegen wird die Futternutzung der Reststoffe unter den Tisch gekehrt. Wieso verschweigen Sie, dass ein großer Teil der Tiere von den Reststoffen der von Ihnen genannten Energiepflanzen ernährt wird? Schlempe, Extraktionsschrote, Zuckerrübenschnitzel usw. Soll das Volk Gras essen? Ganzpflanzen? Fallzahlweizen? Mit der in der Tat schlimmen Tatsache der 800 Millionen Hungernden lässt sich gut Stimmung machen. Vor Allem gegen die Landwirtschaft. Die dient ja als beliebter Sündenbock. Lassen Sie sich eines gesagt sein: Dass diese Menschen hungern liegt NICHT an den Landwirten. Die Zahl der Hungernden ist in den letzten 40 Jahren von 1 Mrd auf diese 800 Millionen gesunken. Wofür die Landwirtschaft mit Tierhaltung und trotz Energiegewinnung "verantwortlich" ist: Die Zahl der NICHT Hungernden hat sich in den letzten 40 Jahren von 3,6 Mrd auf 7,2 Mrd VERDOPPELT. Im Übrigen erlebte die Energiegewinnung aus Getreide ihren ersten Boom, als irgendwelche geldgeilen Spendenbettler wie Misereor und Brot für die Welt und andere die Phrase in die Welt setzten, billige Getreideexporte würden die Märkte der Dritten Welt stören."

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