Gastkommentar von Martin Häusling

Warum Gentechnik keine Lösung ist

Martin Häusling
IMAGO / Michael Schick
Martin Häusling
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Aktuell werden die Rufe wieder lauter, wir bräuchten die neue Gentechnik, um endlich klimafitte Superpflanzen züchten zu können, zum Beispiel mit Trocken- oder Salzresistenz. Der Ruf ist so alt wie die alte Gentechnik.

In der Regel geht es nicht um widerstandsfähige Pflanzen, sondern um neue Produkte, Patentierung und Gewinn. Auch mit der „neuen Gentechnik“ wurden die ersehnten Superpflanzen bisher nicht entwickelt. Der von Bayer (ehemals Monsanto) entwickelte „trockentolerante Mais“ (MON 87460), der bereits in den USA kommerzialisiert wurde und nun auf dem afrikanischen Markt platziert werden sollte, wurde von den südafrikanischen Behörden abgelehnt, weil er den Ertrag nicht erhöht und die behauptete Trockentoleranz nicht aufweist.

Einzelne Gene in der DNA von Pflanzen zu manipulieren, verankert neue Eigenschaften bei Pflanzen deutlich weniger stabil als herkömmliche Züchtung, in deren Prozess die Biochemie in der Pflanze selbst entscheidet, wie ihr Erbmaterial auf die neue Kombination reagiert. Saatgut heterogener, samenfester Sorten ist genetisch deutlich breiter aufgestellt als die aktuell genutzten Hochleistungssorten. Dies bietet ein hohes Reservoir von Eigenschaften, die auf veränderte Umweltbedingungen und Stress wie Pflanzenkrankheiten, Schädlinge und Wetterextreme besser reagieren können. Das Finden alter Sorten kann darüber hinaus auch schon ohne Züchtung zum Erfolg führen: Das Sammeln von über 2000 verschiedenen Reissorten durch das Netzwerk MASIPAG brachte zwölf Sorten hervor, die überleben, wenn sie für einige Tage überflutet werden; 18 Sorten, die gut mit Dürre zurechtkommen; 20 Sorten, die eine Toleranz gegenüber Salzwasser zeigen und 24, die resistent gegen bestimmte lokale Schädlinge sind. Effizient wäre es demnach, erst einmal nach den schon vorhandenen dürre- oder salztoleranten Sorten zu suchen, die ihre „Tests“ in der Evolution erfolgreich durchlaufen haben, statt neue Konstrukte mit aufwendigem Risikomonitoring in die Welt zu lassen.

Was wir dringend ändern müssen, sind unsere Anbausysteme, nicht einzelne Gene oder Pflanzen: weg von den Monokulturen, hin zu mehr Biodiversität und Optimierung des Zusammenspiels von Pflanze und Boden, zum Beispiel mit Agroforstsystemen oder Permakultur. Das macht Systeme resilient und sichert Erträge auch bei Klimastress. Ökologische Agrarsysteme und Gentechnik – ob alt oder neu – passen nicht zusammen. Deshalb ist es essenziell, dass alle Gentechnikprodukte reguliert und gekennzeichnet werden.

Unter dem Begriff „Innovation“ verstehen viele nur den technischen Eingriff in das Genom, nicht das Anpassen von Systemen an ökologische Kreisläufe. Dieser Scheuklappenblick führt dazu, dass in Deutschland von 2012 bis 2020 über 60 Mio. € Fördergelder im Bereich Neue Gentechnik ausgegeben wurden. Im Vergleich dazu fließen in die Forschungsförderung der ökologischen Landwirtschaft nur etwa 2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Forschungsmittel. Das spiegelt die Potenziale des Ökolandbaus in keiner Weise wider und muss dringend geändert werden.
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