Gastkommentar von Sabrina Meyer (Fleischwirtschaft)

Gefangen in der Matrix

sam

In der Realität ist schnell klar: Ohne moderne Technologie können in der Landwirtschaft keine Fortschritte bei Klima, Nachhaltigkeit und Tierwohl erzielt werden. Der Verbraucher weiß das - und schmäht High-Tech in Betrieben dennoch.

Jede andere Branche geht große Schritte in Sachen Digitalisierung, Automatisierung und Technologie. Der Landwirtschaft wird dieser Fortschritt von seiten der Konsumenten nicht zugestanden. Die Akzeptanz für Technologien in der Agrarbranche muss daher gesteigert werden, zeigt nun eine Umfrage des amerikanischen Agrarkonzerns Cargill. Die Verbraucher gaben zu, dass Technologien der Schlüssel zur Welternährung sind, machten aber gleichzeitig deutlich, dass sie die so erzeugten Lebensmittel nicht konsumieren wollen.

Dabei liegt in neuer Technik der Schlüssel für eine nachhaltigere und klimafreundlichere Produktion sowie ein erhöhtes Tierwohl. Verbraucher wünschen sich ein ursprüngliches und unberührtes Lebensmittel. Das kann mit Technologien aber genauso gut - wenn nicht sogar besser - gewährleistet werden wie mit der guten alten Handarbeit. Die Automatisierung führt dazu, dass Landwirte weniger Zeit in einfache Tätigkeiten stecken und diese besser nutzen können. Weniger Handarbeit bedeutet mehr Fokus auf Gesundheit, Wohlbefinden und das Rundum-Sorglos-Paket fürs Tier.

Die Technik kann bei all diesen Dingen Landwirten unter die Arme greifen, ein Beispiel: Sensoren an den Tieren (zum Beispiel eine Art Fitbit für die Kuh) geben Daten weiter – sie sprechen also für das Tier und erleichtern die Kommunikation zwischen Landwirt und Nutztier. Ein schneller Blick auf das mobile Endgerät der Wahl und schon ist deutlich, ob die Kuh erkrankt ist. Im Ackerbau sorgt eine zielgerichtete Bearbeitung durch Precision Farming (mithilfe von GPS) für einen höheren Ertrag, weniger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und für den Schutz der Biodiversität. Solche Technologien erfüllen die Ansprüche der Verbraucher an die Landwirtschaft. Ist es wirklich so einfach?

Seit Jahren beschäftigen sich der Handel, die Verarbeiter und die Erzeuger damit, dass die Verbraucher nicht für die Mehrkosten aufkommen wollen, die solche Verbesserungen mit sich bringen. Gleichzeitig entwickeln alle Beteiligten mühevoll neue Technologien, um den Wandel voranzutreiben – jetzt wird aber deutlich: die Art und Weise gefällt den Konsumenten auch nicht.

Gegenüber jeglicher Form von Technik wird Skepsis geäußert, keine noch so banale Automatisierung wie ein Melkroboter erhält mehrheitliche Zustimmung in der Umfrage. Das Konzept scheint den Verbrauchern zwar grundsätzlich klar zu sein, ohne Technik sind keine Fortschritte möglich. Die so produzierten Lebensmittel wollen sie aber nicht kaufen. Das ist wohl die Spitze des Eisberges in der Debatte um Tierwohl, Nachhaltigkeit und Klima. Erst wollen die Konsumenten nicht zahlen, nun wollen sie auch nicht, dass die Technologie, die Verbesserungen ermöglicht, tatsächlich eingesetzt wird.

Als Neo in dem Film Matrix vor der Entscheidung steht, ob er die rote oder die blaue Pille schluckt und zwischen der Realität und der Traumwelt der Matrix wählen muss, entscheidet er sich für die rote Pille und somit die Realität. Die Verbraucher greifen wohl ganz beherzt zur blauen Pille. Damit leben sie weiter in der Illusion, dass nur Tradition das Wahre sei. Es wird nach Änderungen geschrien, ohne, dass sich etwas verändern darf. Das funktioniert aber weder im Film noch im wahren Leben. Andere Branchen sind einen Schritt weiter, das sollte der Landwirtschaft auch erlaubt werden. Für die Verbraucher ist es nun an der Zeit, zur roten Pille zu greifen und sich der Realität zu stellen. Technische Fortschritte sind ein Mehrwert, nicht die Zerstörung des Ursprungs.

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  1. Ariane Helmbrecht
    Erstellt 17. Januar 2020 08:55 | Permanent-Link

    Guten Tag Frau Meyer,
    vielen Dank für Ihren Artikel: er spricht mir aus der Seele. Als promovierter Agraringenieur mit Spezialisierung auf Tierernährung ärgere ich mich auch immer wieder über die Propagierung der vermeintlichen Idylle der Kuh im Hinterhof. Auch im privaten Umfeld fällt mir immer wieder auf, dass die Haltung der Kuh im Tiefmiststall mit einer Deckenhöhe von 1,60 m in Anbindung und ein paar Stunden Weidegang im Tag während der Sommermonate als tierfreundlicher angesehen wird als die moderne Haltung in großen Herden im Offenstall mit frei verfügbarem Zugang zum Melkroboter oder Futterautomaten nach freiem Willen der Kuh. Ähnlich schräge Ansichten gibt es für die Schweine-, Hühner- und Mastgeflügelhaltung.
    Ich fände es toll, wenn ihr Artikel es in einer der großen Tageszeitungen schaffen würde. Denn die Leser der Agrarzeitung stehen berufsbedingt wohl mehrheitlich bereits hinter Ihren Argumenten.

    Viel Erfolg für die weitere Verbreitung Ihres Artikels!

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