Getreideabkommen

Putins Bluff verfehlt sein Ziel

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Der Entschlossenheit der Türkei, der Vereinten Nationen und der Ukraine hatte die russische Führung nichts entgegenzusetzen. Die Schiffe fahren weiter.

Es geht also doch! Wladimir Putin, der Mann, der seit Monaten die Eskalationsspirale im Krieg mit der Ukraine hochdreht, rudert zurück. Und zwar schneller, als die meisten Beobachter und auch die Märkte gedacht haben. Die Entschlossenheit der Ukraine, aber auch der Türkei, die Exporte auch ohne Russland weiterlaufen zu lassen, haben die Moskauer Pläne durchkreuzt. Nur wenige Stunden nachdem Moskau die Aussetzung des Getreideabkommens verkündet hatte, verließ ein ganzer Schiffskonvoi den Hafen von Odessa und steuerte die Türkei an.

Es wäre naiv zu glauben, dass Putin den Getreidehandel nicht hätte doch noch aufhalten können. Schließlich handelt es sich um ein sensibles Geschäft, an dem private Reeder und auch Versicherer beteiligt sind, die ihre Risiken abschätzen müssen, bevor sie Schiffe in die Ukraine schicken. Doch die prompte türkisch-ukrainische Entschlossenheit, den Exportkanal weiter offenzuhalten, trieb die politischen Kosten für Putin in die Höhe.

Ein unmittelbarer Angriff auf die Hafeninfrastruktur in der Ukraine, oder gar auf eines der Schiffe, hätte nämlich das Verhältnis zur Türkei massiv gestört. Das Land zwischen Asien und Europa ist aber zu einem wichtigen Umschlagplatz für europäische Güter geworden, die nicht direkt nach Russland geliefert werden können. Allein im September lagen die türkischen Exporte nach Russland um 230 Prozent höher als vor einem Jahr. Vieles davon sind Waren auf Durchreise. Zudem braucht Putin die Türkei als Transitland für russisches Gas. Erst kürzlich haben Putin und Erdogan den Aufbau eines Gas-Hubs an der türkischen Außengrenze zur EU vereinbart. Am Ende akzeptierte Putin die gesichtswahrende Option einer schriftlichen Zusage der Ukraine, den Exportkorridor nicht militärisch zu nutzen.

Nicht weniger naiv ist auch die Vorstellung, dass Putins Suspendierung auf den mutmaßlichen ukrainischen Drohnenangriff auf russische Schiffe auf der Krim zurückzuführen war. Stattdessen nutzte Moskau diesen Vorfall nur als Anlass, um sein Störpotenzial zu demonstrieren. Diese Taktik passt zu Putins Verhaltensmuster der vergangenen Wochen. Denn während die Erfolge auf dem Schlachtfeld ausbleiben, versucht Russland die Ukraine und ihre westlichen Verbündeten anderweitig unter Druck zu setzen. Bislang hat dies Putin noch nichts gebracht.

Putins ständige Kritik am Getreide-Deal war unterdessen von Anfang an manipulativ. Ja, die Statistiken zeigen, dass ukrainische Agrargüter vor allem in die EU, die Türkei und nach China gehen. Für den Hunger auf der Welt spielt das aber keine Rolle, denn dieser wird durch die hohen Lebensmittelpreise verursacht – und nicht, weil es Verteilungsprobleme gibt. Gleichzeitig stimmt es nicht, dass Russland, wie von Putin behauptet, seine Agrarprodukte auf dem Weltmarkt nicht loswird. Nach einem holprigen Start in die Exportsaison im Juli haben die Ausfuhren nun deutlich zugenommen. Noch nie hat Russland in einem Oktober so viel Getreide exportiert wie im vergangenen Monat. Dies dürfte Putin jedoch nicht davon abhalten, künftig erneut mit einem Lieferstopp zu drohen, wenn sich die Kriegssituation in der Ukraine für Russland weiter verschlechtert.

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