Henrike Schirmacher über Gentechnik

Und dann kam der Klon

Chinesische Wissenschaftler spielen am Erbgut von Versuchsaffen. Ob für einen guten Zweck oder mit kühler Strategie ist ungewiss.

Obwohl die Grüne Woche in Berlin noch nicht rum ist, eines steht bereits jetzt fest. Die Chinesen haben der weltweit größten Messe für die Ernährungswirtschaft die Show gestohlen. Die chinesische Nation stellt in dieser Woche Zhong Zhong und Hua Hua vor, zwei niedliche Klon-Äffchen. Im „Morgenmagazin“ am Donnerstagmorgen blicken sie der neugierigen Welt zwar etwas blässlich von der Mattscheibe entgegen, aber lebendig. Und das ist wahrlich eine Sensation! Bisher kannten wir nur Klonschaf Dolly, die nach sieben Jahren kränklich und schließlich eingeschläfert wurde.

Sogleich wird der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Professor Peter Dabrock in der morgendlichen Sendung der ARD eingespielt. Nüchtern und trocken im Ton, aber in der Aussage mahnend, wünscht er sich eine Debatte. Es werde Zeit für ethische Spielregeln. Denn wer Affen klonen kann, schafft das vielleicht bald mit Menschen. Wie aufregend und gruselig zugleich!

Gruselig ist vor allem die Wortspielerei, die die Chinesen mit ihrer Namensgebung provozieren: Zhonghua bedeutet „chinesische Nation“. Das stimmt Dabrock zu Recht nachdenklich. Zwar verkaufen die Wissenschaftler die technische Errungenschaft damit, Tierexperimente aussagekräftiger zu machen, weil sich mit genetisch identischen Affen Versuchsbedingungen standardisieren ließen. Folglich, und das gefällt Gegnern von Tierversuchen vermutlich, würden weniger Versuchstiere benötigt, um an aussagekräftige Ergebnisse zu kommen. Doch Dabrock wittert Schlimmeres. Im Kontext weiterer chinesischer Aktivitäten zu Keimbahninterventionen werde man den Verdacht nicht los, dass in China eine umfängliche Strategie gefahren wird, die genetischen Grundlagen menschlichen Lebens zu bearbeiten. Hierzulande gilt glücklicherweise das Embryonenschutzgesetz: Mit dem Erbgut der menschlichen Ei- oder Samenzelle darf nicht gespielt werden.

Solch eine Debatte, wie Dabrock sie fordert, ist wünschenswert. Fakt ist allerdings, das Pro und Contra um jegliche Art der Gentechnik ist in Europa einzigartig. Seit Jahrzehnten liefern sich Gegner und Befürworter einen Schlagabtausch. Er wird diesen Sommer einen Höhepunkt erreichen, wenn der Europäische Gerichtshof entscheidet, ob Crispr/Cas unter das Gentechnikrecht fällt. Während die Chinesen wohl eher machen was sie wollen, kann man sich nur wünschen, dass die klonierten Äffchen, ihren Zweck erfüllt haben, bevor sie das Zeitliche segnen.
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