Henrike Schirmacher zu Bauernfängern in spe

Wer fängt die Bauern?


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Landwirte suchen sehnlichst nach politischen Verbündeten. Die Partei, die Landwirte zu Profiteuren des gesellschaftlichen Wandels macht, dürfte künftig neuer Anwalt der Bauern sein.

„Was ist bloß in der CDU los?“ Diese Frage habe ihm, Norbert Röttgen, so ziemlich jeder ausländische Gesprächspartner, während der Münchener Sicherheitskonferenz in der vergangenen Woche, gestellt. Das hat gesessen. Wenige Tage später gibt Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, offiziell seine Kandidatur für den Parteivorsitz der Bundes-CDU bekannt. Röttgen hatte in dieser turbulenten Woche den Vorschlag parat, unbedingt einen „Demokratie-Dialog“ zwischen Ost und West führen zu müssen, weil sich die „demokratischen Einstellungen im Westen und Osten Deutschlands auseinander entwickeln“. Das weckt Erinnerungen bei mir und offenbart eine Strategie, wie sie sich auch seine Parteikollegin Julia Klöckner zu Eigen gemacht hat. Mit Verständigungsproblemen im Volk muss sich nämlich auch die Bundeslandwirtschaftsministerin herumschlagen. Während diese jetzt mit dem Dialogforum Stadt.Land.Du ihres Ministeriums durch die Lande zieht, könnte es ihr Röttgen als Kanzler in spe doch unter dem Motto Ost.West.Wir gleichtun, oder?

Trotz internem Gerangel in der „Partei der Mitte“, als Folge einer schwindenden Wählerschaft, scheinen sich einige unter ihnen – zumindest auf den ersten wohlmeinenden Blick – also gar nicht so uneins zu sein. Aber fängt man so diejenigen wieder ein, die richtig stinkig sind? Naja, zumindest unter Landwirten ist der Rede- und Erklärungsbedarf riesig. Die Gruppen „Land schafft Verbindung –Deutschland“ und „Land schafft Verbindung – Das Original“ bekunden in Gesprächen, Verbindungen in die Politik knüpfen zu wollen. „Wir wollen von den verschiedenen Parteien wissen, wer etwas für uns tun will“, heißt es dort. Also, im Dialog liegt durchaus eine Chance für die CDU. Wäre da nicht die Alternative für Deutschland, die auf Biegen und Brechen versucht, eine frustrierte CDU-Klientel, darunter vermutlich viele Bauern, wie die Demos aus jüngster Zeit glauben machen, einzufangen.

Während Klöckner mitunter kein Blatt vor den Mund nimmt, um ihre Bauern, die zuweilen mit einigen Kommentaren völlig aus der Rolle fallen, einzunorden, positioniert sich die Alternative für Deutschland mit Stephan Protschka, Mitglied im Agrarausschuss, als neuer Anwalt der Bauern. So steht es auch auf der Homepage der AfD: „Stephan Protschka: AfD ist die neue Heimat für Landwirte, die der CDU den Rücken kehren.“ „Die Bauern gehen auf die Straße und was meint dann die Regierung? Die schmeißt ihnen eine Milliarde vor die Füße und meint dann haben sie die Klappe zu halten“, bläst Protschka ganz ohne Scham in dasselbe Horn wie zuvor der Kopf von Land schafft Verbindung, Dirk Andresen. „Wer von Ihnen will schon Notgroschen-Empfänger sein?“, spricht Protschka vielen Landwirten aus der Seele. Während Klöckner noch aus Erfahrung spricht: Sie habe immer erlebt, dass geschimpft wurde, dass es zu wenig Geld gibt.

Es ist verzwickt. Ein Vergleich bietet sich an: Die größte Herausforderung für Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung liegt darin, ein Missverhältnis zu lösen. Firmen sind einerseits gefordert, zügig mit einer flexiblen Belegschaft auf technologische Veränderungen zu reagieren. Das scheint in der Politik ähnlich. Man weiß aus der Sozialforschung andererseits, dass der Mensch nach hektischen Phasen des Umbruchs Ruhephasen braucht. Werte und Kulturen ändern sich erst über einen viel längeren Zeitraum verglichen mit technischem Fortschritt. Insofern ließe sich die kritische Haltung der Bauern auch als Ermüdungserscheinung gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen deuten, weil sie in diesen (noch) nicht den eigenen Vorteil erkennen können. Die Partei, die es schafft, Rahmenbedingungen zu setzen, die diese Vorteile glaubwürdig vermitteln, dürfte daher langfristig zum neuen Anwalt der Bauern werden. Dialog allein wird es jedenfalls nicht richten können.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Hoschscheck
    Erstellt 21. Februar 2020 16:01 | Permanent-Link

    Es gibt keinen Vorteil darin seine Produktion insgesamt zu verteuern und gleichzeitig runter zu fahren und gleichzeitig ausländische Produkte zu geringeren Standards und günstiger an den Verbraucher zu lassen.
    Wo ist da der Vorteil für den deutschen Landwirt?

  2. A.Wilhelm
    Erstellt 21. Februar 2020 18:37 | Permanent-Link

    Wir müssen zurückkommen, Veränderungen an der landwirtschaftlichen Produktionsweise mit den Landwirten und nicht über ihre Köpfe hinweg ohne wissenschaftliche Bewertung zu forcieren, wie es das Merkelkabinett , getrieben von ökologischen Aktionismus derzeit macht. Mir fehlt auch vollständig die Verantwortung für die Ernährung in den kommenden Jahrzehnten. Bis 2050 werden es noch 1,5 Mrd. Menschen mehr, davon 1 Mrd. in Afrika! Lasst uns darüber sprechen, wie diese Aufgabe mit Augenmass gelöst werden kann!

  3. Höper
    Erstellt 23. Februar 2020 14:00 | Permanent-Link

    "Landwirte suchen sehnlichst nach politischen Verbündeten" sagt Frau H. Schirmacher. Leider hat Sie da etwas nicht begriffen. Landwirte lieben ihren Job wofür sie Kontinuität, Rechtssicherheit und langfristige Beständigkeit für ihr Tun brauchen. Dadurch waren die Landwirte traditionell bei der CSU /CDU gut aufgehoben. Wenn nun aber die CDU diese Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllen will und die Landwirte zum Sündenbock abstempelt für Sachen die jahrelang CCC konform waren, sie den NGO´s und Grünen Spinnern zum Spielball vorwirft und Rechtsbrüche , wie z.B. Einbrüche in Ställe duldet, dann versteht man die WELT nicht mehr! Heute soll die Landwirtschaft Biogas produzieren und morgen ist sie an der Vermaisung und dem Artensterben schuldig gesprochen? Heute soll die Landwirtschaft Flächen für Windenergie bereitstellen und morgen sind sie schuldig für Insektenschwund und getötete Vögel. Durch diese unprofessionelle Politik mit den vielen Unfähigen im Bundestag wird es in naher Zukunft leider keine Kontinuität, Rechtssicherheit und langfristige Beständigkeit für die Landwirtschaft und Industrie geben! Wo das hinführt werden wir sehr schnell erleben.

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