Henrike Schirmacher zu den Bauernprotesten

Die Niederländer sind einen Schritt weiter

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Zwar ist die Viehdichte in den Niederlanden viel höher als in Deutschland. Nichtsdestotrotz sucht die Politik im Nachbarland eine Lösung für dieselben Probleme, wie sie in Deutschland in den Hochburgen der Tierhaltung im Nordwesten des Landes bekannt sind.

 Es geht darum, Nährstoffüberschüsse aus der Gülle, die den Gewässerschutz gefährden, sowie Emissionen aus der Tierhaltung, die den Klimawandel beschleunigen, zu reduzieren. Die Lösung liegt auf der Hand: Die Anzahl der gehaltenen Tiere muss sinken. Im Gegensatz zur deutschen Bundesregierung spricht die niederländische allerdings Tacheles. Denn um es in den Worten der niederländischen Umweltministerin Christianne van der Wal zu formulieren: „Die schmerzliche Schlussfolgerung ist, dass nicht alle Landwirte ihren landwirtschaftlichen Betrieb weiterführen können.“

Zwar bekräftigte die Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, Silvia Bender, erst kürzlich auf einer Mitgliederversammlung der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), dass der Fleischkonsum reduziert werden müsse. „Wir essen doppelt so viel Fleisch, wie es uns gesundheitlich guttut. Wir müssen unseren Fleischkonsum deshalb halbieren.“ Und: „Wir wollen weniger Tiere besser halten.“ Auf den Betrieben solle mehr Wertschöpfung generiert werden, sodass die Landwirte wieder Geld verdienen können, umriss die Beamtin des Bundeslandwirtschaftsministeriums die Ziele der Bundesregierung, die in ihrer Ausgestaltung allerdings schwammig bleiben und denen es bislang an einer finanziellen Unterstützung für die Landwirtschaft mangelt. Im Gegensatz zu Deutschland will die niederländische Regierung ordentlich in die Staatskasse greifen und bis 2035 insgesamt 24,3 Mrd. € in einem Transformationsfonds zur Verfügung stellen. Zum Vergleich: Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat bislang lediglich 1 Mrd. € für die kommenden vier Jahre für den Umbau der Tierhaltung lockergemacht.


Offensichtlich geht die Bundesregierung davon aus, dass sich das Problem mit der zu hohen Viehdichte in den Ballungsgebieten im Nordwesten aufgrund der angespannten Marktsituation von allein regelt. Damit hat sie einerseits recht. Denn über kurz oder lang werden Ferkel auf dem deutschen Markt knapp – und damit wird die Produktion von Mastschweinen sinken. Die Entwicklung hat bereits begonnen: Weniger Tiere werden wöchentlich geschlachtet, zuletzt rund 800000, nach einem Peak von rund 1 Mio. wöchentlichen Schlachtungen im Jahr 2016. Die Schweineschlachter in Deutschland hatten 2021 das zweite Jahr in Folge mit abnehmendem Lebendangebot zu kämpfen. Die Kapazitäten wurden nicht voll ausgeschöpft, meldete die ISN im Mai in ihrem Schlachthof-Ranking.

Ohne klare Perspektive investieren entwicklungsfähige und innovationswillige Betriebe nicht. Diejenigen, die ihre Investitionen abgeschrieben haben, lassen ihre Betriebe auslaufen. Ohne eine politische Steuerung geht die Bundesregierung das Risiko von unkontrollierten Strukturbrüchen ein. Das bringt den Sektor definitiv nicht voran.

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