Henrike Schirmacher zu den Bauernprotesten

Landwirte brauchen mehr Gewicht am Markt


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Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicken Bäuerinnen und Bauern auf die Preiserhöhungen für Schweinefleisch-Artikel, die der Discounter Lidl bundesweit in seinen Filialen vorgenommen hat.

Einerseits zeigen ihre bundesweiten Proteste und ihre Blockaden der Zentrallager des Lebensmitteleinzelhandels durch Trecker-Kolonnen endlich Wirkung. Andererseits bleiben sie auf die Gunst der „Großen Vier“ angewiesen. „Am bestehenden System, in dem Landwirte keinen maßgeblichen Einfluss auf die Preisgestaltung für ihre Erzeugnisse haben, hat sich dadurch ja nichts geändert“, ist Kritik aus den Reihen der Erzeuger zu hören.

Zu Recht. Zwar geht Lidl mit der Preiserhöhung in seinen Läden als erster Händler auf die Landwirte zu. Allerdings forderten die demonstrierenden Bauern höhere Erzeugerpreise und mitnichten, dass Verbraucher – von denen einige die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise deutlich spüren – zur Kasse gebeten werden. Doch Lidl setzt seit Donnerstag auf höhere Preise an der Ladentheke. Der Discounter kann so sicherlich Sympathiepunkte in jenen Teilen der Gesellschaft sammeln, die seit den großen Bauernprotesten im November 2019 verständnisvoller auf die Sorgen und Nöte von Landwirten reagieren. Hinzu kommt, dass Lidl mit diesem Schritt am ehesten Störungen im lukrativen Weihnachtsgeschäft durch weitere Blockaden der Zentrallager abwenden kann. Fazit: Im harten Preisunterbietungskampf der vier großen Handelsketten schaden geringfügige Preisaufschläge Lidl offenbar weniger als die wirtschaftlichen Folgen einer blockierten Warenauslieferung.


Leider ist derzeit offen, ob weitere Händler nachziehen oder das Angebot eine Eintagsfliege bleibt. Als Silberstreif am Horizont lässt sich das Gesprächsangebot des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels an die Bauern werten. Klar ist aber auch: Mit verbalen Schlichtungsversuchen wird sich die Landwirtschaft kaum zufriedenstellen lassen.

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Langfristig muss ein Gleichgewicht der Marktkräfte hergestellt werden: „Die ungleichen Kräfteverhältnisse in der Vermarktungskette sind Ergebnis einer verfehlten nationalen Kartellpolitik“, sagte passend dazu kürzlich Bauernpräsident Joachim Rukwied und stellte sich deutlich hinter die Protestbewegung. Das Kartellrecht müsse weiterentwickelt und stärker auf den Schutz von Erzeugern und Zulieferern ausgerichtet werden. Verarbeitungs- und Vermarktungsorganisationen müsse es ermöglicht werden, sich für Verhandlungen auf Augenhöhe zusammenzuschließen. Das stimmt: Das Kartellrecht darf Landwirte und deren Vermarkter nicht daran hindern, Gegengewichte zum Handel zu bilden.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. unkomplizierter Wurzelwicht
    Erstellt 17. Dezember 2020 13:41 | Permanent-Link

    Wolfgang Joop kreierte seine Discounter-Interior-Kollektion, Silvia Meis hat für ALDI ihre Lingerie-Kollektion entworfen, bezahlbar aufreizende Dessous, sexy Nachtwäsche für die breite Masse, auch mit kleinerem Geldbeutel, etc. pp.. Viele Discounterkunden können sich davon einfach etwas mehr leisten.

    Wie??? - Passt das nun hierher!?

    Jaaaa!- Genau das!

    Unsere überaus lauten Bauernstimmen -wo immer diese auch zu verorten sind- schaffen es bis zum heutigen Tage nicht -selbst in der Ära nach dem maßgeblich einschneidenden DIESELGATE nicht- dass die Zeit absolut reif dafür ist, dass an jeder Discounterfiliale unsere alternativen Treibstoffe vom Acker -einmal Sonnenkraft pur- getankt werden können. Anderweitig nutzbare Sonnenenergie kann man sehr wohl bereits an den dort aufgestellten Stromladesäulen zapfen, in Vorreiterrolle wohlgemerkt. Wieso „vergeigt“ man ein solches Wertschöpfungspotential allenthalben vollumfänglich? Eine dortige Abgabe für unsere hochqualitativen Pflanzenöle statthaft nur in haushaltsüblichen Mengen INSIDE(!) für die heimischen Verbraucherküchen - das muss man erst einmal kapieren!!! Ein hanebüchenes Beispiel von sehr vielen, wie moderne Wertschöpfungssynergien auf AUGENHÖHE innerhalb des Nahrungsmittelsektors funktionieren könnten, ... so man es denn zuließe.

    Wundern tut mich das allerdings nicht: Wir Bauern fahren stolz wie Oskar mit unseren die Luft verschmutzenden Dieselrössergiganten zur Blockade an die jeweiligen Auslieferungszentralen mit dem Schnäuztüchlein in den ausgebeulten Hosentaschen, bäuerliches Wehklagen, weil man uns fortwährend an einem schmerzhaften Ring durch unsere Nasen in der Kampfarena gnadenlos vorzuführen weiß.

    Wir lassen uns dabei parallel in auch noch wenig eloquenter Gegenwehr auf unseren Flächen für umweltschädliche, auf den Äckern produktionsfeindliche Monsterstromtrassen missbrauchen und erahnen dabei nicht einmal nur ansatzweise, dass man damit den Schlagbaum für eine bereits nachweislich funktionierende Demokratisierung unseres Energiemarktes wiederum knallhart hat herunterkrachen lassen.

    Ja, liebe Bäuerinnen und Bauern, so wird‘s kurz- bis mittelfristig nichts mit einem Mehrwert für unsere händische Arbeit. Der Markt lässt sich dauerhaft wahrlich nicht von uns Bauern dominieren. - Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis!

    Leider zeigt man auf den bisherigen Verhandlungsstrecken zwischen den Bauern und unseren Discounteroligarchen wenig Bauernschläue, weit eher wird offenkundig, wo eine absolute geistige Überlegenheit realiter obsiegen wird - auf lange Sicht!!!



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