Henrike Schirmacher zu den Fleischpreisen

Alles nur Schall und Rauch

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In der Debatte um Dumpingpreise für Fleischwaren ist es – mangels alternativer Lösungsansätze – unter Politikern mittlerweile en vogue, auf den preissensiblen Verbraucher zu schimpfen.

„Bei Tageslicht betrachtet ist es doch so, dass das Oligopol im Lebensmitteleinzelhandel seinen Ursprung in der Preissensibilität des Verbrauchers hat“, meinte kürzlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Albert Stegemann während einer Parlamentsdebatte zu unfairen Handelspraktiken entlang der Wertschöpfungskette Lebensmittel. „Ohne dieses in der Tat sehr deutsche Phänomen – diese ‚Geiz ist geil‘-Mentalität – gebe es dieses Ungleichgewicht, gebe es diese Asymmetrie der Marktkräfte doch gar nicht“, schimpfte er weiter auf die Verbraucher. Doch mit dieser Argumentation macht er es sich zu leicht. Das Problem ist vielmehr, dass die großen Vier des deutschen Lebensmittelhandels bei Preiserhöhungen nicht an einem Strang ziehen. Entgegen der Versprechen des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, Landwirte unterstützen zu wollen, zeigen diese wenig Solidarität mit ihren Lieferanten.

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis macht dies besonders deutlich: Lidl läutet nach nur knapp zwei Monaten das Ende des Bauernbonus ein. Der Markt sei diesem Preissignal nicht gefolgt und es sei ein „erheblicher Wettbewerbsnachteil“ entstanden. „Ab sofort müssen wir uns im Schweinepreissegment wieder dem Marktniveau anpassen“, erklärte der Discounter.


Es ist nicht das erste Mal, dass Handelsunternehmen ihre Preiserhöhungen wieder zurücknehmen. Aldi etwa hatte im Frühjahr 2020 ebenfalls als Reaktion auf Proteste der Landwirte die Preise für Milch um fünf Cent pro Liter erhöht. Mit dem Auslaufen der Lieferverträge im November war damit aber wieder Schluss. Statt sich den Preiserhöhungen anzuschließen, hatte die Konkurrenz die Milchpreise sogar gesenkt. Auch Lidl hatte während der Milchkrise 2008 die Preise im Alleingang angehoben und dies schon nach wenigen Monaten wieder kassiert.

Wenn der Absatz sinkt, weil die anderen Ketten nicht mitziehen, ist mit einer Preiserhöhung für die Branche rein gar nichts gewonnen – dieses Fazit zieht wohl auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Zwar hat sie mehrfach ein Werbeverbot für Lebensmittel zu Billigpreisen gefordert: „Hähnchenschenkel für 20 Cent, das ist unanständig“, so ihr Credo. Doch Nägel mit Köpfen hat sie bislang nicht gemacht. Zwar sei die freie Preisgestaltung ein Grundpfeiler der Wirtschaftsordnung, räumte ihr Ministerium im Oktober vergangenen Jahres ein. Aber Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) habe keine verfassungsrechtlichen Bedenken und unterstütze Klöckners Anliegen. Mit Peter Altmaier, ihrem Parteikollegen im Wirtschaftsressort, habe Klöckner diesbezüglich ebenfalls Kontakt aufgenommen. Trotzdem hat sie ihr Anliegen nun auf Eis gelegt.

Vermutlich weiß Klöckner, welche Lawine über die deutsche Schweineindustrie rollt, wenn sie zur Tat schreitet und ihr Vorhaben mit einer Änderung im Fleischgesetz realisiert. Denn der Lebensmitteleinzelhandel verkauft nach eigenen Angaben 30 Prozent mehr Fleischartikel, wenn er mit günstigen Angeboten lockt. Zum jetzigen Zeitpunkt der massiven Überhänge bei Schweinefleisch wäre es fatal, die Nachfrage zu dämpfen. Besonders, wenn sich die Konkurrenz auf der nach unten drehenden Preisspirale bei Fleischprodukten gegenseitig unterbietet.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) schlägt derweil einen „Deutschland-Bonus“ vor, „der fest vereinbart wird, und bei dem die hohen heimischen Produktionsstandards sichtbar und honoriert werden“. Es ist zwar schwer vorstellbar, dass sich die „Big Four“ dazu verpflichten werden, einen Deutschland-Bonus für nationale gesetzliche Vorgaben zu zahlen. Das müssten sie aber allesamt, um das viel beschimpfte Einkaufsverhalten der Verbraucher nachhaltig zu ändern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf fleischwirtschaft.de.

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