Henrike Schirmacher zum Tierwohllabel

Ferkelerzeuger gehen leer aus

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Obwohl bereits etliche Jahre und viele Diskussionsrunden seit der Idee für ein staatliches Tierwohlkennzeichen vergangen sind, weist der Entwurf von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir erhebliche konzeptionelle Mängel auf.

Einerseits soll Özdemirs Kennzeichen zunächst nur für Schweinefleisch gelten. Zudem setzt es nur verschiedene gesetzliche Standards für die Haltung von Mastschweinen. Die Ferkelerzeugung bleibt außen vor.

Für Schweinefleisch mit mehr Tierwohl, für das der Verbraucher am Ende mehr bezahlen soll, muss die Politik allerdings sicherstellen, dass auch Sau und Ferkel mehr Tierwohl widerfährt. Erschwerend kommt hinzu, dass Ferkelerzeuger wohl kaum damit rechnen können, dass ein an der Ladentheke gezahlter höherer Preis auch nur ansatzweise über Schlachtereien und Mastbetriebe hinweg freiwillig bis zu ihnen durchgereicht wird. Der Anreiz für Ferkelerzeuger, in einen Stall mit gehobenen Haltungsstandards zu investieren, geht damit gegen null. Zudem soll das staatliche Label nur für in Deutschland erzeugtes Fleisch gelten. Das vertreibt die deutschen Ferkelerzeuger endgültig aus der Produktion. Sie müssen verglichen mit ihren ausländischen Kollegen gehobenere Haltungsstandards erfüllen, nämlich ohne Kastenstand. Darüber hinaus ist eine Ferkelkastration ohne Betäubung in Deutschland verboten.


Der Import von Ferkeln dürfte heimische Erzeuger künftig weiter verdrängen. Frisches Schweinefleisch, das voraussichtlich ab 2023 mit einer gehobenen Haltungsstufe ausgezeichnet werden kann, stammt also wahrscheinlich von ausländischen Ferkeln, denen weniger Tierwohl zuteil wurde. Der Verbraucher bekommt davon leider gar nichts mit.

Das ist schade. Denn anders als bei Obst und Gemüse, wo wir auf Importe oft aus fernen Ländern angewiesen sind, haben wir bei Milch und Fleisch einen hohen Grad an Selbstversorgung. Diesen sollten wir gerade jetzt nicht aufs Spiel setzen. Es hilft weder dem Tierwohl noch dem Klimaschutz, wenn die Produktion ins Ausland verlagert wird. Özdemir und sein Ministerium sollten noch einmal in sich gehen.

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