Henrike Schirmacher zur DLG-Wintertagung

Die Zeit drängt

Während der DLG-Wintertagung in Münster lässt der neue DLG-Präsident die heißen Eisen im Feuer liegen. Zwar kennt Paetow die drängenden Probleme, doch sie zu benennen, könnte so manchen schnell überfordern.

 

Der Kongress-Saal der Messehalle in Münster war am Mittwochvormittag gerammelt voll. Einige Landwirte warteten gezwungenermaßen im Stehen auf die Antrittsrede des neuen DLG-Präsidenten Hubertus Paetow, der sein Thema „Der digitale Betrieb“ weise wählte. Doch dann kommt alles anders als erwartet. Auf die Bühne tritt ein Mann, der den kleinsten gemeinsamen Nenner mit seinem Publikum sucht.

Er weiß zwar um die Dringlichkeit für die Landwirtschaft, sich zu wandeln, und erwähnt Nährstoffüberschüsse, Tierwohl, Biodiversität, die Wichtigkeit, Probleme der Zukunft zu bewältigen, und die Kritik der Öffentlichkeit. Doch schnell schiebt er hinterher, der Kritik lägen Emotionen anstatt Informationen zugrunde. Warum ist dann ein Wandel nötig, fragt sich der Zuhörer.

Nichtsdestotrotz: Das Wort Wandel geht Paetow häufiger über die Lippen, doch was die Ursachenforschung betrifft, liegt er, vermutlich um das Wohl seines Publikums besorgt, falsch: Der Wille zum Wandel sei immer schon aus der Branche selbst gekommen und niemals von NGOs diktiert. Eine steile These, beobachten Außenstehende doch eher das Gegenteil. Das Magdeburger Urteil zur Kastenstandbreite in der Schweinehaltung zeigt: Zuerst kommt der Druck, dann der Änderungswille des Bauern.

Während der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs sich iPhone-Jünger heranzüchtete, die seinen Visionen auf Schritt und Tritt folgten, steht Paetow, selbst gewiefter Unternehmer, vor einem Publikum, das gerne blockiert. Obwohl er das Erbe seines Vorgängers Carl-Albrecht Bartmer mitsamt der „zehn Thesen zur Landwirtschaft 2030“ längst verinnerlicht hat, formuliert Paetow keine visionären Gedanken, weckt keine Euphorie. Ihm fehlt nicht der Mut, es scheint sein Schachzug zu sein, um niemanden im Publikum zu überfordern.

Leider geht so kein Ruck durch die Menge, und am Horizont ist abzusehen: Mit dieser ambivalenten Strategie verpasst die Branche Chancen. Gerade jetzt muss sie den digitalen Wandel zu ihrem eigenen Vorteil gestalten und geeint auftreten. Ein Experte empfiehlt den Landwirten, eine deutschlandweite Datenvermarktungsgesellschaft zu gründen. Sonst laufen sie Gefahr, ihre wertvollen Daten buchstäblich für „'nen Appel und 'nen Ei“ zu verschenken.

Am Ende wird ihnen wieder jemand von außen diktieren, diesmal Handel und Co., wo die Reise hingehen soll.




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