Henrike Schirmacher zur ersten Bilanz von Özdemir

Ohne die anderen geht es nicht

az
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Im Dezember führt Cem Özdemir das Bundesagrarministerium bereits ein Jahr lang. Der Grünen-Politiker ist stets auf der Suche nach Kompromissen.

In Detailfragen verzettelt der Ressortchef sich nicht, diese Bühne überlässt er seiner Staatssekretärin Silvia Bender, der Frau vom Fach. Özdemir hingegen bemüht sich nach eigener Aussage um Kompromisse mit seinen Koalitionspartnern – er setzt also seine Soft Skills ein, die er durchaus zu haben scheint.

Zur Verhandlungstaktik überlege er sich bereits im Vorfeld schwieriger Gespräche mit den Koalitionspartnern, wie die Sozialdemokratin oder der liberale Kollege den Raum verlassen wollen. Ein erfahrener Politiker wie Özdemir weiß eben, wie ein gesichtswahrender Kompromiss für alle Beteiligten gelingt. Der Minister ist bekannt dafür, ein Ohr zu haben für die Anliegen anderer und erfreut sich deshalb auch großer Beliebtheit in der Bevölkerung.

Das verleiht ihm Rückenwind für die Zukunft, die er sich offensichtlich in Baden-Württemberg ausmalt. Viele seiner selbst gewählten Termine führen den Minister nämlich nach Stuttgart und Umgebung, in die eigene Heimat also. Sogar die diesjährige Erntepressekonferenz des Bundeslandwirtschaftsministeriums ließ er in Ditzingen bei Stuttgart ausrichten.

Wenn der studierte Sozialpädagoge zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, die voraussichtlich im Frühjahr 2026 stattfinden werden, seinen Parteikollegen und jetzigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der dann auf die 80 Jahre zugeht, beerben will, darf er es sich mit den Landwirt:innen im Ländle allerdings nicht verscherzen.

Ein Glücksfall für ihn ist vor diesem Hintergrund, dass in Baden-Württemberg längst eine unter Landwirt:innen umstrittene Halbierung der chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel beschlossen wurde. Das Gesetz umfasst die Umsetzung des Verbots von Pestiziden in Naturschutzgebieten und die Einhaltung des integrierten Pflanzenschutzes in den übrigen Schutzgebieten. Ganz im Sinne des Grünen soll in Baden-Württemberg darüber hinaus die ökologische Landwirtschaft bis 2030 auf 30 bis 40 Prozent ausgebaut werden.

Als Generalist interessiert sich Özdemir aber ohnehin eher für das große Ganze. Auf Bundesebene will er deswegen in seiner verbleibenden Amtszeit für ein Umdenken sorgen: Klima- und Artenschutz stehen einer Ernährungssicherung nicht entgegen, betont er gebetsmühlenartig seit Amtsantritt. Denn ein guter Rhetoriker weiß: Was oft gehört wird, verfängt schließlich.

Newsletter-Service agrarzeitung

Mit unseren kostenlosen Newslettern versorgen wir Sie auf Wunsch mit den wichtigsten Branchenmeldungen

 

    stats