Henrike Schirmacher zur Plakatwerbung von Edeka

Grenzenlose Ignoranz


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Edeka tritt voll ins Fettnäpfchen. Sowohl der Werbeslogan als auch die anschließende Rechtfertigung, lassen zu wünschen übrig.

Was ist eigentlich aus dem guten alten Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist, Gold“ geworden? Dass es in manchen Situationen definitiv besser ist zu schweigen, als es mit Worten noch schlimmer zu machen, zeigt die Reaktion von Edeka Minden-Hannover auf den Zorn der Bauern über deren Werbespruch zum 100-jährigen Jubiläum. Hinlänglich bekannt dürfte der Slogan unter Landwirten mittlerweile sein: „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten“, plakatierten die Werbestrategen. Als Blickfang links daneben der Komiker Otto Waalkes. Mit dem vermaledeiten Wörtchen „Essen“ seien aber gar niemals Lebensmittel gemeint gewesen, sondern die 9000-Seelen-Gemeinde Essen im niedersächsischen Kreis Cloppenburg. So versucht Edeka einen durchlebten Bauernprotest vor den eigenen Pforten später und nach empörten Stellungnahmen des Deutschen Bauernverbands sowie der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Weit gefehlt. Unbeholfener hätte diese Erklärung ja wohl nicht ausfallen können! Vor allem, weil es am Ende auf dasselbe hinausläuft: Es geht schlichtweg darum, eine „Geiz-ist-Geil“-Mentalität salonfähig zu machen, vielleicht auch darum, eine wenig kaufkräftige Zielgruppe zu ködern oder mit der Konkurrenz mitzuhalten. Plump bleibt die Kampagne trotzdem.

Mit welch grenzenloser Ignoranz der Handel zuweilen auf den landwirtschaftlichen Protest reagiert, zeigt, wie wenig diesen bisher, die seit vergangenem Jahr andauernden Bauernproteste tangiert haben. Edeka steht dabei nicht allein. So soll auch Aldi Nord das Dialoganliegen von Agrarblogger Thomas Andresen zunächst abgelehnt haben. Das entsprechende Schreiben mit einer Absage kursiert nun in den sozialen Medien. Keine gute Publicity! Entsprechend zeitnah soll ein eifriger Unternehmenssprecher von Aldi Nord bei Andresen persönlich angerufen haben, um sich - wie Andresen in einem Videobeitrag formuliert, „tausendmal“ für das „Kommunikationsproblem“ entschuldigt zu haben. Gesprächsangebot angenommen. Geht doch!

Indes hat nun auch Edeka die eigene Harmoniesucht erkannt. Das Unternehmen plant zur Wiedergutmachung einen Jobtausch von Landwirten und Einzelhändlern. Das Ganze sollte dann – das versteht sich von selbst –, in maximalem Einfühlungsvermögen für das Gegenüber münden. Nun, diese grenzenlose Dialogbereitschaft passt wunderbar in die derzeitige politisierte Debatte. Auch die Chefin des Landwirtschaftsressorts Julia Klöckner sagte unlängst während ihres Dialogforums #StadtLandDu zur Grünen Woche: „Ein gelungener Dialog setzt voraus, dass die Gesprächspartner den Willen zeigen, das Gespräch mit neuen Erkenntnissen zu verlassen.“ Hoffen wir mal, dass auf Worte Taten folgen. Sonst ist Schweigen immer noch Gold.

2 Kommentare

  1. Dirk Nölkenhöner
    Erstellt 31. Januar 2020 09:42 | Permanent-Link

    Die Discounter sind einfach schlechte Verkäufer, nur über den Preis Kunden zu gewinnen, um den anderen Wettbewerber auszustechen, ist der falsche Weg. Die Preisspirale geht in die falsche Richtung. Wenn der heimische Landwirt gegen billige und unter anderen Voraussetzungen produzierte Agrargüter konkurrieren muss, wird der heimischen Produktion das Wasser abgegraben. Der Transport spielt keine Rolle mehr, die CO2 Emissionen und die Nachhaltigkeit bleiben unbeachtet, entsprechend auch der Gedanke, "Aus der Region, für die Region", eigentlich ein gutes Verkaufsargument. Aber für das medienwirksame Schild, welches die heimische Produktion bewirbt, reicht der "Alibiacker" an der Bundesstrasse.

  2. Manfred Koppenhagen
    Erstellt 2. Februar 2020 19:15 | Permanent-Link

    Die Aufregung über die Edeka-Werbung und über das Verhalten aller anderen Lidls, Aldis und Konsorten verstehe ich nicht mehr. Was muss eigentlich passieren, damit auch der letzte in diesem unserem Lande merkt, wie unsere Gesellschaft tickt. "Geiz ist geil" oder "Brot und Spiele" - es ist doch vollkommen egal, welchen Slogan wir bemühen. Das Volk muss billig abgefüttert werden, damit für "fun and kick" genügend Geld übrigbleibt. Damit lag Edeka mit seiner Werbung voll im Trend. Auch das Gedöns um Klima und Umwelt ist doch nur noch eine Heuchlerei.
    Da brüstet sich der Stuttgarter Flughafen seiner 14 Millionen Fluggäste. Wie viel Flugbenzin für deren Trip in die Sonne verpustet oder auch einfach mal abgelassen wird und dabei Klima und Umwelt schädigt, interessiert keinen. Oder jetzt in der Skisaison, sind die Autobahnen voll mit spritfressenden Karossen, deren Besitzer über hunderte von Kilometer einen Kurztrip übers Wochenende in die Berge machen, um auf den Pisten, denen die Natur ohne Wimpernzucken geopfert wurde, ihr Ego aufzupolieren. Wer würde es wagen, diesen Luxus in Frage zu stellen? Da werden auch grüne Politiker oder Umweltorganisationen, etc. plötzlich sehr still.
    Naja, nicht ganz still. Weil - Gott sei's gedankt - gibt es ja noch die Bauern, ein ständig im Strukturwandel schwindender Berufsstand, der die Umwelt zerstört, dessen Kühe das Klima erwärmen und der die Verbraucher vergiftet, womit wenigstens ein Schuldiger gefunden wäre. Zwar geht zurzeit ein Aufschrei durch die bäuerlichen Kehlen, man wehrt sich und fährt mit Gummi und Stahl in die Städte um zu demonstrieren. Aber schließlich wissen ja die Adressaten der Demos, dass der Spuk vorüber geht. Denn in spätestens 4 Wochen, wenn das Frühjahr kommt, sind die Landwirte wieder auf den Feldern um billige Nahrungsmittel zu produzieren. Und für diese werden Edeka, Lidl und deren Mitbewerber auf Plakaten wieder mit niedrigen Preisen werben. Und so schließt sich der Kreis.
    Wer glaubt, der Lebensmittelhandel sei an der Misere alleine schuld, irrt. Die Supermärkte bedienen, was der Verbraucher fordert. Zu erwarten, dass ein Unternehmen diese irrsinnige Dumpingpreisspirale im Alleingang unterbricht, ist unrealistisch. Dazu hängen deren Eigentümer naturgemäß viel zu sehr an ihren Unternehmen.
    Das eigentliche Problem sind wir, die Verbraucher, unsere Gesellschaft. Die Werte haben sich in den letzten Jahrzehnten total geändert, "Mein Auto, mein Haus, mein Boot" - kaum ein Werbeslogan vermittelt so sehr, wie wir ticken. Dabei ist unsere Bevölkerung zweigeteilt. Der eine Teil definiert sich nur noch in den Superlativen des Konsums, um Nachbarn, Freunden und Feinden zu imponieren. Der andere Teil versucht jeden Tag aufs Neue mehr oder weniger erfolgreich, die Lebenshaltung zu sichern, weil das Geld knapp ist. Bei beiden Teilen ist für teurere, werthaltige Lebensmittel, für die etwas mehr bezahlt werden müsste, kein Platz - die einen wollen nicht, die anderen können nicht. Sonst bleiben die schönen Dinge des Lebens wie Malle oder Après-Ski auf der Strecke.
    Was uns fehlt sind Persönlichkeiten, sind Vordenker, die diese Zusammenhänge thematisieren und dafür sorgen, dass die Werte in unserer Gesellschaft wieder nivelliert und normalisiert werden. Wenn dies nicht gelingt, werden Niedrigstpreise für Nahrungsmittel sowie Konsumwahnsinn weiter Bestand halten und die Dekadenz in unserem Land fortschreiten. Übrigens, wer sich mit dem Begriff Dekadenz schwertut, möge einfach mal den Duden bemühen: "kultureller Niedergang mit typischen Entartungserscheinungen in den Lebensgewohnheiten und Lebensansprüchen". Dem ist nichts hinzuzufügen.

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