Henrike Schirmacher zur Welternährung

Raus aus der Berliner Blase

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Seit Jahren hält sich in der Agrarwirtschaft die feste Überzeugung, dass die EU zur Sicherung der Welternährung nur immer mehr für den globalen Markt produzieren müsse. Erfolge von Umwelt- und Klimaschützern werden meist als Angriff auf das eigene Business gewertet und als Gefahr für die globale Ernährungssicherheit eingeordnet. Welch ein Irrglaube.

Diese Weltanschauung zeigt, in welcher Blase die europäische Agrarwirtschaft lebt. Zwar ist die Gefahr von Hungersnöten real und steigt mit Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine weiter an. Aber die Situation in Entwicklungs- und Schwellenländern wird nicht dadurch verbessert, dass wir deren Abhängigkeit von europäischen Agrarrohstoffen erhöhen. Die Produktion in der Europäischen Union zu steigern, würde allein dazu dienen, sich Marktanteile zu sichern und gegebenenfalls dazu beitragen, selbst unabhängiger von Importen wie beispielsweise Futtermitteln zu werden.

Am erfolgreichsten könne die Welt künftig mithilfe der Anwendung von biotechnologischen Verfahren in der Pflanzenzucht wie der Genschere Crispr/Cas ernährt werden, lautet ein weiterer Glaubenssatz. Auch das entspricht nicht der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung des globalen Südens, beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Verzicht auf Maßnahmen für den Klimaschutz hierzulande macht das globale Ernährungssystem – welches ohnehin schon fragil ist – noch anfälliger für Dürren und Hungersnöte.

Fatal ist, dass sich viele international tätige Agrarkonzerne diese Kurzsichtigkeit auf dem europäischen Kontinent zunutze machen und unaufhörlich Allgemeinplätze von der Rettung der Welternährung formulieren – obwohl sie es sicherlich besser wissen. Die G7 müssen ihr bisheriges Engagement für globale Ernährungssicherheit ausweiten. Das wäre ein Signal mit Weitsicht.

  1. Volker Dreses
    Erstellt 11. März 2022 10:20 | Permanent-Link

    Was spricht dagegen, effizientere züchtunsmethoden anzuwenden, um Pflanzen an den Klimawandel anzupassen? Gerade in ärmeren Ländern wäre dies Lebensnotwendig! Was spricht dagegen, im klimatisch begünstigten Mitteleuropa ,ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren? Wachen sie auf , Frau Schirrmacher , sonst erleben wir in der Agrarwirtschaft dasselbe Dilemma wie bei unser Bundeswehr!

  2. Thomas Pegels
    Erstellt 11. März 2022 17:15 | Permanent-Link

    Das eine schließt das andere nicht aus. Züchtung mithilfe Crispr/Cas ohne Gefahr der Freisetzung bringt insbesondere die Landwirtschaft der "entwickelten" Länder weiter, allerdings sollten die entsprechenden Sorten nicht patentiert in der Hand weniger Konzerne verbleiben. Oberste Prämisse bleibt eine klimaschonende Produktion an allen Standorten. Wo dies nicht möglich ist, darf nicht produziert werden. Eine Ernährungsumstellung weg vom Tier zur Pflanze in den "entwickelten " Ländern bleibt unabdingbar, jedoch nicht als Mode zu sehen sondern als Schlüssel zur Ressourcenschonung.

  3. Wolfram Rühe-Müller
    Erstellt 11. März 2022 17:41 | Permanent-Link

    Immer wieder nur schwarz oder weiß! Von einem Verzicht auf Maßnahmen zum Klimaschutz spricht niemand, aber bitte in vernünftigen Maßnahmen. Die jetzigen Pläne müssen deutlich, ohne Ideologie, überarbeitet werden, auch in Hinblick der Grundversorgung aller in der EU. Nicht vergessen dürfen wir hier auch Nordafrika und alle anderen Importländer die von der Ukraine und Russland versorgt wurden. Es grenzt an Wahnsinn und zeigt viel Überheblichkeit den Klimaschutz wichtiger als Hunger zu nehmen.

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