Hermann-Josef Baaken zur EU-Waldschutzverordnung

Bürokratiemonster mit großen Nebenwirkungen

Hermann-Josef Baaken, Geschäftsführer Deutscher Verband Tiernahrung (DVT)
DVT
Hermann-Josef Baaken, Geschäftsführer Deutscher Verband Tiernahrung (DVT)
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Die Bedeutung nachhaltigen Wirtschaftens in der Lieferkette ist unbestritten. Auch wenn in einem marktwirtschaftlichen System der Verbraucher durch seine Kaufentscheidung Einfluss nehmen kann, wird die Verantwortung nun auf die Wirtschaftsbeteiligten übertragen.

Die Futtermittelwirtschaft hat dies früh erkannt und 2015 erstmals Leitlinien für eine nachhaltige Beschaffung von Soja definiert. Schritt für Schritt wurde in Eigenverantwortung auf die Produktion Einfluss genommen. Wenn auch brasilianische Farmer diese Forderungen am Anfang nicht ernst genommen haben, kann man heute mit Stolz jährliche Verbesserungen feststellen.

Warum deshalb eine aufwendige Verordnung als Bürokratiemonster mit unerwünschten Nebenwirkungen entstehen soll, ist unverständlich. Unbestritten ist, dass in Zukunft die Rückverfolgbarkeit nicht mehr wegzudenken ist. Allerdings muss man davor warnen, den Aufwand bei Schüttgütern zu unterschätzen. Hier fehlt den Verordnungsarchitekten am Schreibtisch der Realitätssinn. Und was soll die parzellengenaue Geolokalisation nutzen, wenn die Ware später in Lkw zum Hafen, über große Einheiten transportiert und später wieder auf viele einzelne Futtermittel- und landwirtschaftliche Betriebe verteilt wird? An Schüttgüter kann man schlecht einen Lieferschein kleben.


Die Wirtschaft erkennt die Notwendigkeit für eine Reduzierung der klimaschädlichen Entwaldung an. Die Maßnahmen müssen aber auch praktisch umsetzbar sein. Die Besonderheiten beim Handel mit Massenschüttgütern und die Integration von Kleinbauern in der Lieferkette werden nicht berücksichtigt. Irrtümlicherweise wird davon ausgegangen, dass sich der internationale Handel mit Soja oder Ölpalm-Erzeugnissen in kürzester Zeit auf das geforderte Modell der segregierten (vollständig physisch getrennten) Lieferketten umstellen kann. Dafür sind aber ausreichend lange Übergangsfristen erforderlich, um Marktverwerfungen zu vermeiden. Am stärksten werden bei den jetzt vorliegenden Vorschlägen die Kleinbauern leiden, aber auch Regionen, die sich des Aufwandes entledigen und Abnehmer in anderen Regionen der Welt bevorzugen. Das sollte nicht das Ziel der Verordnung sein.

Wir brauchen passende Regeln zur Umsetzung der Sorgfaltspflichten, Haftung und adäquate Instrumente zur Rückverfolgbarkeit für jeden Rohstoff. Bestehende Strukturen und etablierte Methoden wie Zertifizierungen und Branchenstandards müssen eingebunden werden. Für Massenschüttgüter ist die standortspezifische Massenbilanzierung ein erster Schritt, um die Entwaldung und Waldschädigung zu vermindern. Die EU-Kommission sollte mit den Erzeugerländern zusammenarbeiten, um rechtliche Hindernisse zu beseitigen, die der Einhaltung der Verordnung im Wege stehen, etwa durch nationale Landbesitzregelungen und Datenschutzvorschriften.

Bilaterale Abkommen müssen die Verordnungen zum Schutz des Waldes ergänzen. Die Verantwortung auf die Wirtschaft abzuschieben und sie damit zur Nebenregierung zu machen, ist der falsche Ansatz. Spannende Zeiten für den Trilog!

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Lieferkette
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