Horst Hermannsen zu Bauernprotesten

Feindbilder

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In der Landwirtschaft braut sich ein explosiver Stimmungsmix zusammen. Existenzangst, neue Regeln mit Einschränkungen, Bürokratie und dreiste Respektlosigkeit sind seine wesentlichen Bestandteile.

Die wirtschaftliche Lage vieler Bauern ist prekär. Es sind keineswegs nur kleine und mittlere Familienbetriebe, die dem Druck nicht standhalten und fürchten,  aufgeben zu  müssen. Auch größere Agrarunternehmen werden von hohen Lohn- und Technikkosten in die Knie gezwungen. Sie spüren, dass einige ihre Verbandsfunktionäre vor allem die eigene Selbstversorgung im Kopf haben. Darüber hinaus verlieren Bauern ihre politische Heimat. Die Unionsparteien, einst verlässliche Interessensvertreter des  Berufstandes, bereiten sich mit geradezu peinlichen Anbiederungsgesten auf eine Regierungskoalition mit den Grünen vor. Damit, so die Befürchtung, ist nur noch wenig Raum für die bewährte Form der konventionellen Landwirtschaft. Aktuell kommt noch der Unmut über gesunkene Erzeugerpreise hinzu. Die Wut in Form von Protestaktionen richtet sich gegen Molkereien, Schlachtereien und den Lebensmittelhandel. Gemeint sind freilich Konsumenten, die sich wie Landwirte verhalten – sie kaufen dort ein, wo es für sie am günstigsten ist.
      
Ein immer geringerer Teil dessen, was die Verbraucher für Nahrungsmittel bezahlen, kommt bei den landwirtschaftlichen Erzeugten an. Das wird zwar schon lange beklagt, kann aber gar nicht anders sein. Die Landwirtschaft liefert – von Ausnahmen abgesehen –  keine Lebensmittel, sondern Rohstoffe für die Nahrungsmittelherstellung. Wie bei vielen Produkten, übersteigen die Herstellungs- und Vermarkungskosten, häufig die Rohstoffpreise. Was auch gerne übersehen wird: Landwirte sind am Preisverfall nicht immer unschuldig. So werden zum Beispiel die Erzeugerlöse für Milch stark vom Verlauf der Weltmarktpreise beeinflusst. Deutschland erzeugt deutlich mehr Milch als hier verbraucht wird. Bei steigender Produktion müssen also mehr Molkereiprodukte exportiert werden. Die seinerzeit attraktiven Molkereiauszahlungspreise haben dazu geführt, dass die deutsche Milcherzeugung  Ende 2019 und Anfang 2020 kräftig ausgeweitet wurde. Das belastet den heimischen Markt noch heute. Dafür den Lebensmittelhandel verantwortlich zu machen ist unredlich.

Die Restaurants sind in Deutschland seit Wochen wegen Corona geschlossen. Vereinzelt bieten Betriebe Außer-Haus-Service an – doch das fängt beileibe nicht den Fleisch-Absatz auf, den die Gastronomie normalerweise erzielt. Edelteile von Schwein und Rind  finden selbst zu Sonderpreisen  kaum Abnehmer. Nicht zu vergessen, der Exportstopp von Nebenprodukten wie Schnäuzchen, Pfoten oder Schwänze nach China, der eine ganzheitliche Vermarktung von Schweinen unmöglich macht. Die Absätze liegen jedenfalls deutlich unter denen der Vorjahre und die Erzeugerpreise geraten unter Druck, ohne das sich Verarbeiter und Handel die „Taschen vollstopfen.“ Aber schwierige Zeiten kommen selten ohne Feindbilder aus.
 
Nun haben Bauern scheinbar unerwartete Verbündete bekommen. So hat der linke thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow schon vor Monaten  gefordert, dass die Politik für bestimmte Lebensmittel einen Mindestpreis festlegen solle. Auch Politiker der  bürgerlichen Parteien können sich mit dieser Form des „Staatshandels“ anfreunden.  Offensichtlich ist einigen Parteivertretern der ordnungspolitische Kompass verlorengegangen, der die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft, in den Mittelpunkt stellt.  Anders als in weniger erfolgreichen Ländern der Welt gibt es in Deutschland noch einen regen Wettbewerb. Für Konsumenten mit geringem Haushaltsbudget ist das erfreulich.
1 Kommentar

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  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 28. November 2020 10:14 | Permanent-Link

    Mit blanker „Furcht“ das aktuell verstärkt um sich greifende Phänomen in Reihen der Bauern zu umreißen, ist vielleicht nicht ganz korrekt ausgedrückt. Viele Familienbetriebe hören schlichtweg einfach knallhart entschlossen auf beim anstehenden Generationswechsel. Nicht wenigen Beobachtern fehlt dafür aber ein entsprechendes Feingespür, Ihnen auch, lieber Herr Hermannsen!? Schauen Sie sich gegenwärtig nur einmal die Gebrauchtmaschinenangebote in unseren Fachmedien an, dort offenbart sich eindrucksvoll, welch massiver Strukturbruch sich dato vollzieht. Hinschauen bitte - nicht verstohlen wegsehen!!!

    Das kleine Bäuerlein ersteht übrigens sowohl seine PSM wie auch die Düngemittel von wem!? Das Pflanzenschutzkartell u.a. ist Ihnen sicherlich noch ein Begriff. Wenn wir unsere Erzeugnisse verkaufen, Ihrer „sozialen Marktwirtschaft“ andienen, halten mehr als 80% des LEH eben genau diese eisern umklammert - unsere „BIG FOUR“, Deutschlands superreiche Familien, diktieren in absoluter Marktmacht ihre Preisgefüge, und jedes Bäuerlein „spurt“; ja, und jene die nicht sofort spuren, sind schließlich zeitnah Opfer des Strukturwandels, weit richtiger heute eines brutalen Strukturbruchs.

    Mea culpa: Vielleicht fehlt mir Ihre „Ganzheitlichkeit“ der Betrachtung, lieber Herr Hermannsen, um Ihre starke feste Überzeugung durch meine Argumente nur ansatzweise zu beeinflussen. Eines sticht mir aber förmlichst in Auge: In schöner Routine, das dritte Jahr kaum wegdiskutierbar in Folge, wurde erheblich weniger, nicht nur in Zentraleuropa, vom Acker eingefahren, im Ernteverlauf publizierte man ungeachtet dessen allerdings euphorische Druschergebnisse (siehe Raiffeisen-Erntebarometer), die unsere Erzeugerpreise sämtlichst auf Talfahrt schickten. Heute sucht z.B. China händeringend Rapsöl, Sojabohnen werden knapp, etc. pp.. Wie das? War die Glaskugel trübe? Hat sie nicht mit jenen verbindlich zuverlässig kommuniziert, die davor saßen!?

    Unumstösslich ist: Wir brauchen künftig Energie - Energie - und nochmals „grüne“ Energie, lieber Herr Hermannsen. Wenn erst einmal in der Tierhaltung, im Ackerbau, eine Quersubventionierung beendet wird, man nur noch das vom Acker einfährt, wofür eine grandiose Nachfrage realiter in diesem gewaltig aufnahmefähigen Markt noch besteht, erst dann ändern sich die Zeiten auch für uns Bauern, ...vielleicht unbestritten von uns beiden bedarf es da jedoch eines langen Atems, den nicht jeder Bauer noch aufzubieten vermag.

    Auch Sie, werter Herr Hermannsen, haben seinerzeit nicht Einhalt gebieten können, dass unsere Verbrennungsmotoren nunmehr schwer in Verruf geraten sind. Vielleicht sind selbst Sie dereinst den falschen Propheten auf den Leim gegangen!? Hätte man zu früheren Zeiten die Treibstoffe vom Acker nicht derart in den Schmutz getreten, wüsste man diese immer noch hervorragende Motorentechnik -denken wir an unseren Schwerlastverkehr, den Einsatz in der Industrie- bis heute noch entsprechend zu wertschätzen. Allenthalben hat man aber der Autoindustrie treu-brav nach dem Munde geredet; solange jedenfalls, bis selbst der einfältigste Autokäufer förmlichst über DIESELGATE stolpern musste.

    Nein, Herr Hermannsen, jene Bauern, ausgestattet mit einer ganz profanen Bauernschläue, beschimpfen wahrlich nicht ihren König „Kunde“. Verbittern lässt uns allenfalls, wie oft sofort der Schlagbaum kaltblütig fällt, sobald auch die Bauern Zugang zu Ihrer freien sozialen Marktwirtschaft suchen. Es gibt ein reichhaltiges Produktportfolio, das wir schlichtweg nicht bedienen dürfen, hier wird in den jeweiligen Hinterzimmern filigran torpediert und gemauert was das Zeug hält, sofort der dickste Riegel vorgeschoben.

    Damit forciert man natürlich nachhaltig die (ersehnte) Neuzeit innerhalb der Landwirtschaft; eine förmliche Aufbruchstimmung macht sich in Reihen unserer NEUBAUERN, den handverlesenen Stiftungsbauern, breit. Diese neue Zeitrechnung bricht damit an. Selbige mächtigen Manageretagen sind allerdings leider auf die Zuarbeit auch unserer qualifizierten Fachmedien kaum mehr angewiesen, um das eigene Kapital erfolgreich arbeiten zu lassen, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. In solchen abgehobenen Ebenen weiß man ganz andere Instrumentarien spielend zu beherrschen, die maßgeblichen Institutionen für sich zu vereinnahmen.

    Schade, lieber Herr Hermannsen, dass Sie Ihre schreibende Zunft bald einem ähnlichen Schicksal gegenübersehen müssen, wie es aktuell das kleine treudoof lemminghafte Bäuerlein zwangsläufig ereilen wird unter diesem brutalen Zerriss persönlicher agrar- und verbandspolitischer Eitelkeiten und der nicht zuletzt hierdurch inszenierten grandiosen Fresswütigkeit all jener Protagonisten, die heute nicht mehr wissen, wie sie am effektivsten das eigene Kapital für sich arbeiten lassen können, sich deshalb Zutritt zu unseren Familienbauernhöfen verschaffen. - Wahrlich nicht in edelster Absicht!!!

    Einen schönen ersten Advent, lieber Herr Hermannsen. - Entzünden Sie morgen Ihr Lichtlein auch für uns Bauern. :-) Bewahren wir alle dieses Licht ganzjährig in unseren Herzen, vielleicht wird die Welt damit ein Stück weit besser.

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