Horst Hermannsen zu Bündnis 90/Die Grünen

Gefühle statt Sachkunde

Noch nie waren die Zeiten scheinbar so einfach wie heute. In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung gibt es wohl nur noch zwei Kategorien: rechts für böse und links für gut.

 

Wer beispielsweise über den Anteil menschlichen Verhaltens am vermeintlichen oder tatsächlichen Klimawandel Fragen stellt ist rechts, wer andererseits Kinderkreuzzüge für die Rettung unseres Planeten bejubelt ist links. Fleischliebhaber sind böse, Vegetarier und ihre vielen Unterarten sind gut. Das gleiche Strickmuster gilt bei Biobauern und herkömmlicher Landwirtschaft, bei Migration, Energiewende, Brexit, Trump, Putin… Medien, die distanzierte und sachkundige Berichterstattung einem erzieherischen Haltungsjournalismus geopfert haben, sind dabei hilfreich. Getragen wird diese Weltanschauung durch ein enges Korsett von Verboten und Geboten, Belehrungen, Ermahnungen, Sanktionen vermengt mit einer Prise Besserwisserei auf praktisch jedem Gebiet. Hierzulande stehen 260.000 Bauern 82 Millionen Agrarfachleuten gegenüber.

Die deutscheste aller Parteien, nämlich  Bündnis90/ Die Grünen, vermittelt eine Art Universalwissen zu besitzen. Sie befriedigen damit ein nationales Bedürfnis an klarer Orientierung und einen "Weltgenesungsanspruch", welche beide in ungebrochener historischer Kontinuität stehen. Der Umstand, dass viele Wähler und Mitglieder dieser Öko-Partei sich aus dem öffentlichen Dienst rekrutieren, unterstreicht den Effekt. Wesentlich für den grünen Erfolg ist auch die Auseinandersetzung mit Scheinproblemen, für die man selbst die richtigen Lösungsmodelle präsentiert.

Der Erfolg gibt ihnen Recht. Sie schnitten bei der jüngsten Wahl zum EU-Parlament in Deutschland mit mehr als 20 Prozent sensationell stark ab. EU-weit sind die Zugewinne grüner Parteien freilich nicht allzu stark. Im Vergleich zur Wahl 2014 hatten sie gerade mal 2,3 Prozentpunkte mehr. Auch dies mag den doktrinären deutschen Charakter dieser Partei bestätigen. Ihr Führungspersonal zeichnet sich teilweise dadurch aus, nie Erfahrung im wirklichen Berufsleben gesammelt zu haben. Ersetzt wird dies durch moralischen Totalitarismus und ideologisch gefärbte Intuition. Bestätigungen dafür bietet immer wieder die unvergleichliche Co-Vorsitzende Annalena Baerbock. Als Angela Merkel vor einiger Zeit wiederholt leichte Zitterattacken hatte, war sie flugs mit einer medizinischen Ferndiagnose zur Stelle: „Auch bei der Bundeskanzlerin wird deutlich, dass dieser Klimasommer gesundheitliche Auswirkungen hat".

Bei physikalischen Problemen ist Baerbock schnöden Wissenschaftlern meilenweit voraus. In einem Interview erklärte sie in atemberaubenden Redefluss, dass Stromnetze die Fähigkeit hätten Strom zu speichern. Diese Erkenntnis ist so verblüffend, dass sie in der Fachwelt sprachloses Erstaunen auslöste. Das setzte sich fort, als die Grünenchefin beim Thema Elektromobilität mehrmals in der ARD von einem Rohstoff namens „Kobold“ sprach. Es müsse geklärt werden, wie ein solcher Stoff eigentlich recycelt werden könne, so ihr Anliegen. Ob die Politikerin vielleicht „Kobalt“ meinte, das ja phonetisch ähnlich klingt? Dabei handelt es sich aber nicht um einen neckischen Hausgeist, sondern um ein seltenes Metall, welches in fernen Ländern häufig durch Kinderarbeit gewonnen und für Elektromobilität eingesetzt wird.

Eine Politikerin dieses Formats analysiert beim Thema Weltenrettung nicht kleinräumig, sondern global. China, so doziert sie, hat uns zahlenmäßig mit „emissionsfreien Elektroautos überholt“. Donnerwetter, diese Chinesen – dabei haben die nicht mal eine grüne Partei. Womöglich nimmt deshalb die Kohleverstromung in der Volksrepublik noch immer eine Spitzenstellung ein. Nun wurde bekannt, dass in China der Neubau von Kohlekraftwerken weitergeht, den die Zentralregierung in den vergangenen zwei Jahren im Sinne der Energiewende eindämmen wollte. Verehrte Frau Baerbock, wenn an die Stelle von Tatbeständen Gefühle treten, ist an sachorientierte Diskussion nicht mehr zu denken.

2 Kommentare

  1. Manfred Koppenhagen
    Erstellt 2. August 2019 11:38 | Permanent-Link

    Lieber Herr Hermannsen, ich schätze Ihre Kommentare und Ihrer Darstellung unserer PolitikerInnen, die weitgehend unbelastet von jeder Sachkenntnis und jedem Sachverstand ihr Fähnchen in den Wind halten, um keine Brise der Volkeslaune zu verpassen und damit ihr Stimmenpotenzial durch eine eigene Meinung zu gefährden, ist praktisch nichts hinzuzufügen.
    Was mir fehlt, ist die Auseinandersetzung mit Ihrer eigenen Kaste. Da sind wir fast bei der Frage Hehler oder Stehler - beide sind sprichwörtlich gleich schlimm. Viele Damen und Herren Redakteur(Innen)e machen einen miesen Job. Ist es Ignoranz, Unfähigkeit, Faulheit, Gleichgültigkeit oder von allem etwas wenn eine einseitig Berichterstattung stattfindet, die auch vor Unwahrheiten oder Verschweigen von wissenschaftlichen Fakten nicht halt macht, nur um Quote zu machen? Von einem Journalist, der diese Bezeichnung verdient, erwarte ich, dass er nach dem Motto "höre beide Seiten oder keine" die Fakten recherchiert, aufbereitet, gegenüberstellt und seinen Lesern, Zuhörern, etc. eine objektive Sicht eröffnet, die zu einer vernünftigen Meinungsbildung führen kann. Dies vermisse ich vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien, die zwar satt Gebühren kassieren, ihrem Auftrag aber in keinster Weise gerecht werden. Weiter, als bei Berichten über unsere brunnenvergiftende Landwirtschaft Bilder mit Güllefässern oder giftspritzenden Landwirten voran zu stellen, reicht es leider nicht. Ich habe mich von dem Begriff Lügenpresse lange distanziert, das hat sich aus eigener Erfahrung inzwischen geändert!

  2. Harry
    Erstellt 7. August 2019 08:40 | Permanent-Link

    Grünwähler können Kobold und Cobalt eh nicht unterscheiden. Fällt also nicht weiter auf. Immer weiter so, echte TOP Politikerin. Aber ich weiß endlich warum Laptop Akkus so schnell kaputt sind.

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