Horst Hermannsen zum Baywa-Aufsichtsrat

Ein langer Abschied

Es gibt Menschen, die keiner geregelten Tätigkeit nachgehen und doch über stattliche Einnahmen verfügen. Dieses Ziel verlangt freilich eine ausgeklügelte Lebensplanung, die nicht früh genug beginnen kann.

Hilfreich ist die Mitgliedschaft in einer staatstragenden Partei. Damit fällt es leicht, in Verbände und Organisationen zu gelangen. Es geht um Ehrenämter, die nicht selten in der Familie vererbt werden. Neben der Ehre sichern sie noch materielle Vorteile. Angestrebt werden die attraktiven Aufsichts- und Verwaltungsratsposten bei Banken, Versicherungen und Hauptgenossenschaften.

Auch Genossenschaften und ihre Verbände erweisen sich zuweilen als ideale Biotope für fragwürdige Machenschaften in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die politische Verfilzung erinnert mitunter an mafiöse Strukturen. Die hochgespülten, mit Ämtern behäuften Funktionäre müssen Dankbarkeit zeigen. Sie sorgen für Spenden und andere Gefälligkeiten. Dafür wird politisches Wohlwollen gewährt, wenn es um die Interessen der Verbände, Banken und Unternehmen geht, in denen die Parteifreunde fest verankert sind. Beispiele aus Gegenwart und Vergangenheit zeigen, wie schwer es den Protagonisten fällt, sich aus diesem Umfeld zu verabschieden. Für sie ist die Fülle in ihren Terminkalendern zugleich Lebenserfüllung. Die unvermeidliche Ordens- und Auszeichnungsflut am Ende der Tätigkeit kann nicht den Verlust von Wichtigkeit ersetzen.

An dieser Stelle kommt einem Manfred Nüssel in den Sinn. Der langjährige Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Aufsichts- und Verwaltungsrat unzähliger Unternehmen und eines komplizierten familiären Beziehungsgeflechts, das von seinen Ämtern profitiert. Seine Weggefährten erinnern sich noch an den Beginn seiner Karriere, als er laut und überzeugungsstark sich darüber beklagte, wenn ältere Funktionsträger nicht von ihren Posten lassen wollten. Diese Einstellung hat sich, was seine eigene Person anbelangt, längst geändert. Deutlich wurde dies bei seiner letzten Wahl zum Raiffeisenpräsidenten mit verkürzter Amtszeit. Heute bleibt ihm als interessantester Posten noch der des Baywa-Aufsichtsratsvorsitzenden. Mit jeder Dividendenerhöhung der vergangenen Jahre, ob verdient oder mit Eigenkapital finanziert, verbessern sich auch die Bezüge des Aufsichtsrates. Ein Traumjob auch deshalb, weil damit keinerlei Ergebnisverantwortung verbunden ist. Davon mag Nüssel nicht lassen, wenngleich er demnächst das 70ste Lebensjahr erreicht.

Seine Anhänglichkeit wird von Klaus Josef Lutz, dem CEO der „Grünen AG“, begrüßt. „Zwischen uns beide passt kein Blatt Papier“, versicherte Lutz. Die beiden, natürlich auch Parteifreunde, sind längst zum persönlichen „Du“ übergegangen. Überhaupt fehlt jene kritische Distanz, die Aufsicht glaubhaft macht. Für Lutz wäre der Abschied Nüssels mit der Folge einer ernstzunehmenden Kontrolle wohl ein Alptraum. Deshalb haben sie entschieden, dass alles so bleibt wie es ist und Nüssel noch weitere zwei Jahre das Amt behält. Viel länger dürfte Lutz auch nicht bleiben, denn danach würde es für ihn schwer. Die Hauptversammlung wird am 9. Mai keinen Widerstand leisten, schließlich wird die Meute wieder mit einer Dividendenerhöhung abgefüttert. Der vorgesehene Nachfolger von Nüssel, Wolfgang Altmüller, Vorstand der Raiffeisenbank Altötting-Mühldorf,  wurde nachdrücklich überredet, dieser Regelung zuzustimmen. Er sei noch mit anderen Aufgaben befasst und deshalb Nüssel dankbar, wenn dieser zwei Jahre weiter macht, so die zähneknirschende Erklärung. Schade, dass er sich darauf einlässt. Andererseits: hätte sich Altmüller verweigert, würde er das Amt womöglich nie bekommen. Dabei bleibt die Baywa spannend, selbst wenn sie sich von ihrer Agrarsparte verabschieden sollte.

8 Kommentare

  1. Maier
    Erstellt 28. März 2018 16:14 | Permanent-Link

    Genau so ist es

  2. Helms
    Erstellt 28. März 2018 18:36 | Permanent-Link

    Einfach Topp..!! Bitte auch einen Kommentar zu Holzenkamp und Möllers schreiben.. :)

  3. Bauer
    Erstellt 28. März 2018 22:55 | Permanent-Link

    Der Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf, ihm ist nichts hinzuzufügen. Erwähnenswert sind in diesem Kreis der Aufsichtsratsmitglieder auch der Präsident des Deutschen Bauernverbandes und ein Mitglied des Europäischen Parlaments. Sie sind dem Konzern aufgrund ihrer Ämter in der Verbands- und Parteipolitik bestimmt "ihr Geld wert".

  4. Bauer
    Erstellt 29. März 2018 09:09 | Permanent-Link

    Mutiger und richtiger Beitrag! Und nur die harmlose Spitze genossenschaftlich mafiösen Wirkens.

  5. Münsterländer
    Erstellt 29. März 2018 10:40 | Permanent-Link

    Der Filz hat bereits auf Ebene der regionalen Primärgenossenschaften Prinzip.
    Da werden unliebsame Mitglieder (im Sinne von anders denkend, nicht aufgrund fehlender Zahlungsmoral) auch gerne mit fragwürdigen Methoden denunziert und quasi eliminiert.
    Mitglieder sind Stimmvieh und gehören gleichgeschaltet.

  6. Holstein
    Erstellt 30. März 2018 20:01 | Permanent-Link

    Sehr mutiger und richtiger Beitrag von Herrn Hermannsen, was für den Süden stimmt war im Norden nicht anders. Am Filz zwischen Ehrenamt, Raiffeisenverband und unfähiger Geschäftsführung sind ja bereits die HaGe Kiel, Nordfleisch und Hansano von der Bildfläche verschwunden.

  7. Ahrend Höper
    Erstellt 30. März 2018 20:12 | Permanent-Link

    Sehr guter und mutiger Beitrag von H. Hermannsen. Was im Süden heute abläuft, gab es auch schon früher im Norden. HaGe Kiel, Nordfleisch und Hansano sind auch nur am Filz zwischen Raiffeisenverband, Ehrenamt und unfähigen Geschäftsführern gescheitert.

  8. pathologische Infiltration
    Erstellt 2. April 2018 11:35 | Permanent-Link

    O-Ton Honorarprofessor Lutz: „Die deutsche Landwirtschaft ist die DNA der Baywa.“ - Gefühlt: ?
    Hoffentlich mutiert ein derzeit ungehemmtes, für Außenstehende vor allen Dingen vollkommen UNKONTROLLIERTES Wachstum nicht zu einer extrem bedrohlichen Karzinogenese...!

    Sehr viele langjährige BayWa-Kunden nehmen genau DAS allerdings aktuell so wahr!

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