Horst Hermannsen zum Taxonomie-Vorschlag der EU

Geisterfahrer trifft auf Realpolitik

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Im Kampf gegen den Klimawandel sollte Ideologie nicht Technologieoffenheit verhindern. Auch die deutsche Regierung muss neue Entwicklungen der Kernenergie ohne Vorurteile bewerten.

„Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“, lautet der bekannte Aphorismus des Lyrikers Emanuel Geibel im 19. Jahrhundert. Diese Überheblichkeit begleitet heute in verstärktem Maße deutsche Politik. So verbreiten die Grünen, als deutscheste aller Parteien, inzwischen eine geradezu verstörende nationalistische Arroganz. Ihr Vorsitzender, Bundesklimaschutzminister Robert Habeck, fordert „mehr klimapolitischen Patriotismus“. Ginge es nach seiner Partei, müsste der Rest der Welt, oder wenigstens Europa, die dilettantische deutsche Energiewende als Blaupause übernehmen. Doch die meisten Länder ignorieren solch anmaßende Forderung aus Berlin. Rascher als erwartet stößt sich die Ampelkoalition an der Realpolitik.
 
Bereits im vergangenen Juni war ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes der EU-Kommission zugunsten der Kernenergie ausgefallen. Damit nicht genug. Ausgerechnet die deutsche Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versetzte der grünen Illusion einen Dämpfer, als sie zum Jahreswechsel den Taxonomie-Vorschlag der Kommission vorstellte. Darin werden Kernkraft und Erdgas als Übergangstechnologien mit dem Siegel der Nachhaltigkeit versehen. Dabei geht es um viel Geld. Fonds-Gesellschaften können künftig damit werben, dass sie „grün“, „ökologisch“ und „nachhaltig“ anlegen, wenn sie in Atommeiler investieren. Gleichzeitig eröffnet das „Taxonomie-Gütesiegel“ der Atomindustrie die Möglichkeit, über den „Green Deal“ der EU sowie der Europäischen Zentralbank, gefördert zu werden. Immerhin soll die EU viele Milliarden Euro in den CO2-freien Umbau der Wirtschaft investieren. Deutschland ist daran besonders hoch beteiligt. Während also die Bundesregierung aus der Kernkraft aussteigt, wird Kapital deutscher Anleger und des Staates gezielt in den Ausbau der Nukleartechnik in anderen EU-Ländern investiert.
 
Die Zeit drängt, denn unser Planet muss vor dem Untergang gerettet werden, so die Apologeten des menschengemachten Klimawandels. Angst ist ein bewährtes Mobilisierungsmittel, um eine Gesellschaft in die ideologisch gewünschte Richtung zu bringen. Es ist absurd, dass die gleichen Leute, die hierzulande täglich warnen, es sei „5 nach 12“ beim Klimawandel, konsequent zum Thema Kernkraft schweigen. Ist das Kohlenstoff-Problem womöglich gar nicht so besorgniserregend? Doch, ist es, meint der Weltklimarat (IPCC) der Vereinten Nationen und sieht explizit Nuklearenergie als Teil der Lösung.  Diese Institution genießt bei Klimaschützern hohes Ansehen. Grünen-Politiker sowie Aktivisten von „Fridays for Future“ führen die Berichte des IPCC gerne als wissenschaftliche Grundlage für ihre Forderungen nach Verschärfung von Klimazielen an.
 
Zu den aktuell 414 Atomkraftwerken rund um den Globus kommen weitere. Rund fünfzig sind im Bau. Laut Internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) wollen derzeit 28 Staaten neu in die Kernkraft einsteigen. In Europa errichten derzeit Finnland, Frankreich, Polen, Russland, die Ukraine, Weißrussland, die Slowakei und das Vereinigte Königreich neue Kernkraftwerke. Die Renaissance der Atomenergie ist die Folge des Bestrebens, den Klimawandel zu verlangsamen, gar zu stoppen. Wer den Kohlendioxidausstoß bremsen will, kann auf den Gedanken kommen, moderne nukleare Technologie zur Energieerzeugung zu nutzen. Sind das alles Geisterfahrer, die sich auf der falschen Spur bewegen? Wir Deutsche wissen wieder wie man es richtig macht. Das hat Tradition!
 
Ideologie sollte nicht Technologieoffenheit verhindern. Tatsächlich werden häufig Argumente vorgebracht, die vor Jahrzehnten noch ihre Berechtigung hatten. Inzwischen seien aber neuartige Technologien der Kernenergie im Kommen, heißt es bei den Befürwortern. Bei solchen Aussagen ist freilich Vorsicht geboten! Dennoch wäre es ratsam, dass sich die Politik vorurteilsfrei auch damit beschäftigt. Es ist auf der anderen Seite nämlich ein übler Etikettenschwindel, für unsichere Windkraft Millionen Bäumen zu opfern, riesige Flächen zu versiegeln, den Arten-/Naturschutz auszuhebeln, das Landschaftsbild zu verunstalten und das alles noch als „nachhaltig“ zu bezeichnen.

Kommentar von Prof. Dr. Herbert Ströbel: Sind wir froh, dass viele andere Länder die Atomkraft nutzen und ausbauen. Dem Weltklima ist es schließlich egal, ob klimafreundlicher Atomstrom in Deutschland produziert oder teurer importiert wird. Gut dass unser Klimaminister und seine Partei an ihre inkonsistenten Argumente erinnert werden. Sie lehnen Atomstrom wegen der höheren Kosten gegenüber Wind und Solar ab, haben aber noch keinen schlüssigen Vergleich der Kosten und Emissionen einschließlich Speicherung, Ausgleichstrom und Leitungskosten vorgelegt. Wäre es nicht vernünftig, an der Entwicklung der neuen modularen und verbrauchsnahen Atomkraftwerke wenigsten mitzumachen und nicht ein Mix von Wind, Solar und Nuklear von vorneherein aus ideologischen Gründen und besserwisserisch auszuschließen? Schließlich gibt es deutliche Anzeichen, dass die neuen Anlagen nicht nur verbrauchsnah erstellt werden können, sondern auch umweltfreundlicher sind und nuklearen Abfall verwerten können. Übrigens könnte man auch zugeben, dass das vorzeitige Abschalten technisch sicherer Atomanlagen ein schwerer ökonomischer und ökologischer Fehler war.      

Prof. Dr. Herbert Ströbel
Falkenstr. 11
91746 Weidenbach
Tel. 09826-1241

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