Horst Hermannsen zum Volksbegehren in Bayern

Die vergessene Biene

Erstaunlich, wie viele Agrarexperten es in unserer Gesellschaft gibt. Deutlich wird dies gegenwärtig wieder einmal in Bayern.

Sich als ökologisch bezeichnende Parteien und Verbände gehören ebenso dazu, wie die im Freistaat Bayern arg gebeutelte SPD. Natürlich dürfen die Vertreter der Kirchen mit ihrem geballten Sachverstand an vorderster Front nicht fehlen. Es ist nämlich wieder einmal fünf vor zwölf, und das schon seit etlichen Jahren! In einem Volkbegehren mit dem putzigen Titel „Rettet die Bienen“ soll eine grundlegende Reform der Agrarpolitik im Freistaat eingeleitet werden, die weit über weiß-blaue Grenzpfähle hinaus wirkt.

Biene wird missbraucht

Grundsätzlich ist ein basisdemokratisches Bürgervotum zu begrüßen, auch wenn im speziellen Fall die Bienen von selbst ernannten Umweltrettern als politisches Instrument missbraucht werden. Tatsächlich geht es hier eben nicht nur um den Schutz von Biene Maya und ihrer weitläufigen Verwandtschaft, sondern um die Durchsetzung viel weitergehender Forderungen grüner Weltenretter. Sie streben eine drastische Verschärfung des bayerischen Naturschutzgesetzes und damit einhergehend eine rechtlich vorgegebene Quote für den Ökolandbau an. Künftige Marktverhältnisse, die womöglich zu Absatzschwierigkeiten führen könnten, sind dabei kein Thema. Die Biene freilich wurde in dem Gesetzentwurf vergessen. Sie ist jedenfalls kein einziges Mal erwähnt. Dennoch dürfte das Plebiszit Erfolg haben; zumindest deuten Zwischenerhebungen darauf hin.

Zu einseitig gegen die Landwirtschaft

Das darf nicht verwundern, denn wir erleben Zeiten, in denen Populisten Hochkonjunktur haben. Sie bauen auf die menschliche Regung, etwas Gutes zu tun und auf die schlichte Unwissenheit weiter Bevölkerungsteile. Natürlich sieht jeder vernünftige Mensch die Notwendigkeit, für Artenvielfalt und gegen das rasant voranschreitende Insektensterben einzutreten. Diese Gefahr besteht aber schon seit Jahren und nicht erst seit jetzt. Das aktuelle Volksbegehren macht viel zu einseitig Stimmung gegen die Landwirtschaft. Ohne Frage verschärft die moderne Form der Landbewirtschaftung die Probleme. Man denke beispielsweise an regionale Mais-Monokulturen als Folge der Energiewende, die zwangsläufig Artenvielfalt einschränkt. Wohl auch deshalb wehren sich einzelne Vertreter des Öko-Landbaus gegen diese Art Volksbegehren. Schließlich gibt es sehr wohl auch weitere Ursachen für das Insektensterben. Der dramatische Flächenfraß gehört ebenso dazu wie der zunehmende Lichtmüll während der Nächte in den Städten und zunehmend auch in ländlichen Siedlungen. Der dramatisch ausufernde Straßenverkehr zu jeder Tages- und Nachtzeit und, und …

Unbestritten leistet die Landwirtschaft einen erheblichen Beitrag dazu, aber im Zuge dieses Volksbegehrens die ganze Schuld der Problematik allein den Bauern aufzubürden ist unseriös. Einen Vorteil hat es freilich: Die übersättigte, überwiegend urbane Konsumgesellschaft muss nicht darüber nachdenken, wie sie lebt und was sie bei ihrer Ressourcenverschwendung falsch macht, denn der Sündenbock ist ja ausgemacht. Also rasch den Mähroboter im geschleckten Hausgarten einschalten und dann rein in den SUV, um zur nächsten Öko-Demo zu fahren.
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