Horst Hermannsen zur Anbindehaltung

Empörungskultur


Bayern ist „Marktführer“ bei der schlechtesten Haltungsform für Rinder. Mitleid mit armen Kleinbauern und fragwürdige Traditionen dürfen diese Tierquälerei nicht legitimieren.

Rund die Hälfte der 30.000 Milchviehbetriebe im Freistaat hält Tiere in Anbindehaltung – das entspricht circa 30 Prozent der Kühe. Ganzjährig fixierte Rinder, die sich auf engstem Raum nicht einmal umdrehen können, entsprechen nicht mehr einer Gesellschaft, die sich angeblich der Würde des Mitgeschöpfs Tier verschrieben hat. So sehen es inzwischen auch junge, zukunftsorientierte Landwirte, die wissen wie wichtig die Akzeptanz der Verbraucher ist.

Verbundenheit mit Angebundensein verwechselt

Als kürzlich der Bund der Deutschen Landjugend (BDL) forderte, die Anbindehaltung von Rindern gesetzlich zu verbieten, zeigte sich die gesteuerte Empörungskultur, angefeuert von haupt- und ehrenamtlichen Landsknechten des Berufsstandes, in ihrer vollen Pracht. Von einem dramatischen Strukturbruch und dem Ende einer traditionsreichen Kultur war da die Rede. Herzzerreißende Geschichten über redliche Kleinbauern, die ihre Kühe lieb haben und namentlich kennen, wurden fabuliert. Hier gäbe es noch eine besondere Verbundenheit von Mensch und Vieh. Dabei wurde Verbundenheit mit Angebundensein verwechselt. Die Auseinandersetzung ist bemerkenswert. Der BDL ist die Jugendorganisation des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Dort werden künftige Verbandsfunktionäre auf Einheitslinie gebracht. Abweichende Meinungen gehören üblicherweise nicht zu diesem Repertoire. 

Die überzeugende BDL-Forderung deckt sich weitgehend mit den Erkenntnissen der Bundestierärztekammer. Beiden geht es freilich nicht um ein abruptes Verbot dieser tierquälerischen Haltungsform. Eine Übergangsfrist von fünf bis zehn Jahren soll gelten. Da sich Landwirtschaftsministerien auf Bundes- und Länderebene jedoch zuvörderst als Lobbyeinrichtungen des Berufsstandes verstehen, ist kurzfristig nicht mit gesetzlichen Vorgaben zu rechnen. Bis heute gibt es nicht einmal eine Haltungsverordnung für Milchkühe, die Mindeststandarts vorschreibt – obwohl die Milchwirtschaft wichtigster Produktionszweig der Landwirtschaft ist.

LEH fordert Modernisierung und wirbt zugleich mit Bilderbuchlandwirtschaft

Bauern haben zwar unmittelbaren Einfluss auf das Wohlergehen der Tiere, sie tragen aber nicht allein die Verantwortung für eine tiergerechte Milchkuhhaltung. Politik, Molkereien, der Handel und auch die Konsumenten sind ebenso in der Pflicht. In der Tat nimmt der Druck einzelner Molkereien, mehr aber noch des Lebensmittelhandels unaufhaltsam zu. Mit eigenen Initiativen treibt die Branche Erzeuger und Politik vor sich her. Maßgebliche Supermärkte und Discounter versuchen unter anderem über Nachhaltigkeitsstrategien ihr Image gegenüber dem übersättigten Verbraucher aufzupolieren. Ziel ist eine bessere Positionierung im Wettbewerb. Zu diesen Konzepten gehört der Begriff Tierwohl, zu dem eine permanente Anbindehaltung nicht passt. Kurios ist allerdings, dass der LEH gerne mit einer zurück gerichteten Bilderbuchlandwirtschaft Werbung macht, die der modernen Tierhaltung widerspricht.

Mitleid mit armen Kleinbauern und fragwürdige Traditionen dürfen Tierquälerei nicht legitimieren. In unserer „freien Marktwirtschaft“ bekommen Milcherzeuger Zuwendungen, von denen andere Wirtschafszweige nur träumen können. EU-Zahlungen, die Förderprogramme des Bundes und der Länder oder Vermarktungshilfen wie Schulmilchprogramme, sind nur ein Teil davon. Dies alles finanziert eine Gesellschaft, die mehr und immer lauter einen Tierschutz fordert, der seinen Ansprüchen in der Praxis auch gerecht wird.

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  1. Andreas Heumer
    Erstellt 3. Januar 2019 20:47 | Permanent-Link

    "Ganzjährig fixiert...", wo steht das? Die Weidehaltung im Sommer dürfte in der Anbindhaltung häufiger vorkommen als bei modernen Boxenlaufställen. Tierwohl oder Tierleid läßt sich nicht an der Haltungsform festmachen, sondern am Landwirt. Tierschutzskandale wurden ausschließlich in großen Boxenlaufställen ermittelt. Hauptverantwortlich für Tierleid sind Zuchtorganisationen wie RUW z.B., die nicht darüber nachdenken, wie viel Futter eine Kuh aufnehmen kann und was an Milch raus kommt.

    Auch in Bayern ist die Anbindehaltung ein Auslaufmodell und Betriebsleiter laufen mit aus, wenn nicht modernisiert wird. Den Vorwurf der Tierquälerei braucht man sich aber nicht vorwerfen lassen. Die unerfahrene Landjugend sollte man genauso wie die Jusos links liegen lassen. Die müssen erst mal trocken werden hinter den Ohren.

  2. Jochen Fincke Rerik
    Erstellt 4. Januar 2019 10:09 | Permanent-Link

    Ein Leben lang im "Knast" - das ist eines unschuldigen Lebewesens unwürdig. Auch wenn man die Bedingungen bei Bergbauern o.ä. berücksichtigt, so muss doch diese Form "Mittelalter" heute nicht mehr tolerabel bleiben. Hier sind die Politiker gefragt, wenn sie sich nicht vornehmlich ihren "bevorzugten" Belangen widmen wollen. Aber so erzieht man LINKE und RECHTE und vergisst die gutwillige Mitte!

  3. Christian Grütters
    Erstellt 7. Januar 2019 19:56 | Permanent-Link

    Traurig, traurig Herr Heumer,
    hätten Sie den Beitrag vollständig gelesen, wäre Ihnen der Unterschied in den Vorgehensweisen zwischen ganzjähriger und nicht ganzjähriger Anbindehaltung sicher nicht entgangen. Die Schuld für die derzeitige Situation wieder mal bei anderen und nicht im eigenen Berufsstand zu suchen, ist so alt, wie sie auch falsch ist. Zudem sei daran erinnert, dass die RUW als Genossenschaft ein Unternehmen ist, das den Landwirten gehört und auch von diesen beaufsichtigt wird. Das ganze auch noch mit einer Schelte gegen engagierte Mitglieder von Jugendorganisationen zu beenden, zeigts: rückwärts gewandt, nicht kritikfähig und neophob. Schade.

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