Horst Hermannsen zur Baywa-Führung

Das Methusalem-Komplott

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Wären die beiden von ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Auftreten nicht so unterschiedlich, man würde sie doch glatt für siamesische Zwillinge halten. Der eine kann nicht ohne den anderen. Der eine heißt Klaus Josef Lutz (62), seit 12 Jahren Vorstandsvorsitzender der Baywa AG, und der andere ist Manfred Nüssel (72). In Nüssels Pass könnte als unveränderliches Kennzeichen „Aufsichtsrat der Baywa“ eingetragen sein. Seit 1983 gehört er diesem Gremium an; seit 2000 sitzt er ihm vor. Nüssel ist für seinen Partei- und Duzfreund Lutz der ideale Begleiter, denn er stört den zuweilen exzentrisch wirkenden Manager nicht. Man hat sich selbst und gegenseitig während der vergangenen Jahre stets das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen und dabei die Selbstbedienungsquote erhöht – oder, freundlicher formuliert, sich gegenseitig unterstützt. Daran soll sich so rasch nicht ändern. Erst kürzlich hat Nüssel dafür gesorgt, dass der Vertrag von Lutz bis 2025 vorzeitig verlängert wurde. Er selbst wird natürlich auch weiter das bleiben, was er ist - mit einer Einschränkung freilich. Die Baywa gehört zu etwa 35 Prozent der Bayerischen Raiffeisen-Beteiligungs AG (BRB). Bis jetzt ist Nüssel auch Aufsichtsratsvorsitzender der BRB. Dieses Amt wird er im kommenden Jahr abgeben, heißt es im Umfeld von Lutz.

Die Vertragsverlängerung von Lutz hat in der Branche Verwunderung ausgelöst, denn die Ergebnisse seiner Bemühungen können nicht jedermann überzeugen. Seit seinem Amtsantritt wurde alles veräußert was nicht niet- und nagelfest war. Seine Ausflüge in das Agrargeschäft des nord- und ostdeutschen Raumes war wenig Fortune beschieden. Davon zeugt nicht zuletzt die jüngst angekündigte „Verschlankung“ des ostdeutschen Agrarhandelsgeschäfts. Die Eigenkapitalquote der Baywa sank stetig von 22,1 Prozent 2017, auf 18,5 Prozent 2018 und schließlich bedenkliche 15,3 Prozent 2019 – obgleich sie mit Hybridanleihen aufgehübscht wurde. Umsatzzuwächse wurden nicht erwirtschaftet, sondern zugekauft – wie etwa im Falle von Cefetra oder Turners & Growers. Dividendenzahlungen zehren zusätzlich an der Substanz. Die Personalpolitik erscheint hektisch und kurzatmig. So kehrten der einstige Generalbevollmächtige für den internationalen Agrarhandel Ito von Lanschot, der vormalige Berater des CEO, Thomas Bargetzi, oder Christiane Bell als Leiterin des Obstgeschäfts der Baywa den Rücken. Was wirklich gut läuft ist die Energiesparte und hier vor allem die Konzerntochter Baywa r.e. GmbH. Sie verkauft national aber mehr noch international Projekte für „Erneuerbare Energien“. Matthias Taft gehört seit April 2015 dem Baywa-Vorstand an. Er führt mit Geschick und Sachverstand diesen Bereich, der damit zum Rettungsanker der Baywa wurde. Taft, so berichten Insider, scheut sich nicht, dem dünnhäutigen Klaus Josef Lutz die Meinung zu sagen. Hinter vorgehaltener Hand wird er deshalb sogar als geeigneter CEO des Konzerns gehandelt.


Noch aber sitzt Lutz scheinbar unangefochten auf dem Chefsessel. Dies hat er wohl seiner Ankündigung zu verdanken, der Baywa Geld, sehr viel Geld zu besorgen, das die „grüne AG“ so dringend braucht. Gefragt ist ein Partner, der 49 Prozent der Anteile von Baywa r.e. für 500 Millionen Euro kauft. Vor Monaten versicherte er bereits, einen Investor an der Angel zu haben. Da wurde im Münchner Arabellahaus aber zu früh gejubelt. Nun habe wieder einer angebissen und man stehe unmittelbar vor einem Vertragsabschluss, heißt es. Sollte dieser Deal gelingen, Lutz und Nüssel würden als Erfolgsduo gefeiert, das man keinesfalls trennen oder gar nach Haus schicken kann. Die beiden Strategen hätten auf ihre alten Tage gewissermaßen ein „Methusalem-Komplott“ geschmiedet, das für längere Zeit Veränderungen in der Baywa-Führung zumindest erschweren. Bis jetzt freilich gibt es noch keinen Vertrag mit Finanzierungsbestätigung…

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  1. Reinhard Appel
    Erstellt 2. Juni 2020 12:11 | Permanent-Link

    Exzellente Analyse des Themas. Kernproblem ist aber, dass den Großaktionären der BayWa ihr Baby ziemlich egal ist. Die Bayerische Raiffeisenbeteiligung ist als Kind der lethargischen, desinteressierten Raiffeisenbanken selbst der Inbegriff für Fantasielosigkeit und Methusalem-Stillstand.
    GVB und Bankenvorstände interessiert es nicht im geringsten, was da so abgeht, geschweige denn, was Lutz bei der BayWa da so treibt. Die BayWa bedroht selbst aktiv den Rückhalt in ihrem Stammlande: schiebt eine um die andere überalterte Betriebsstätte mit dem Bagger weg, ohne für zeitgemäßen adäquaten Ersatz zu sorgen. Und die ohnehin unterbezahlten Mitarbeiter werden scharenweise vergrault. Keinen kümmert es.
    Es fehlt die Verankerung in der Gesellschaft mit landw. Aufsichtsräten in den Raiffeisengenossenschaften und starken Geschäftsführern in den Warengenossenschaften, die ihrerseits auf noch stärkere Leute in der BayWa Zentrale in München bauen können.
    Stattdessen verdient der Bankenvorstand 200 t€; der Geschäftsführer der Warengenossenschaft gerade oft mal 80 t€ und der regionale BayWa "Geschäftsführer", der zwar so heißt, aber nicht mal Prokura hat, bekommt 78t€. Mit diesen Werten im Hinterkopf werden die Entscheidungen getroffen, Leute ausgewählt und entschieden, dass man die Standorte an die eigenen Kunden abgibt...
    Unternehmerische Offenbarungseide bei der BayWa am laufenden Band.

  2. Werner Waschbichler
    Erstellt 4. Juni 2020 18:01 | Permanent-Link

    Als Vorsitzender des Gesamt-Betriebsrates, der die Interessen von über 9.000 Mitarbeitern vertritt, und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der BayWa AG wehre ich mich entschieden gegen diese Verunglimpfung. Klaus Josef Lutz ist der dritte Vorstandsvorsitzende, den ich bei der BayWa erlebe. Herr Lutz wurde 2008 geholt, um das Unternehmen operativ nach vorn zu bringen und das internationale Geschäft der BayWa auszubauen. Die seitdem erfolgten Unternehmenszukäufe sind immer mit Zustimmung des Aufsichtsrats erfolgt – aber nicht, wie der Autor nahelegt, durch „Durchwinken“, sondern nach kritischen Diskussionen. Ohne die Internationalisierung unter Lutz wäre das Konzernergebnis heute ein anderes. Die BayWa ist ein stabiles Unternehmen – trotz (oder gerade auch wegen?) der Restrukturierung im hart umkämpften deutschen Agrarhandel.

    Offenheit und Transparenz zeigt er übrigens auch im Umgang mit den Mitarbeitern und ihren Interessensvertretern: Herr Lutz steht uneingeschränkt hinter den betriebsverfassungsrechtlichen Gremien und führt regelmäßig Gespräche mit den Mitgliedern des Gesamtbetriebsrates, um die strategischen Ziele der BayWa und alle anstehenden Fragen zu erläutern und zu diskutieren. Auch wenn wir manchmal sehr unterschiedlicher Meinung sind – miteinander haben wir bisher immer die für das Unternehmen und die Mitarbeiter beste Lösung gefunden. Nach fast 12-jähriger Zusammenarbeit mit Herrn Lutz kann ich sagen: Der Satz „Mitarbeiter sind das größte Gut“ wird von ihm jeden Tag gelebt. Insofern ist es inakzeptabel, wie hier ein solides Unternehmen wie die BayWa samt ihrer Gremien und Mitarbeiter angegriffen wird.

    Werner Waschbichler
    Vorsitzender des Gesamt-Betriebsrates und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der BayWa AG

  3. BayWa-Lover
    Erstellt 24. Juni 2020 23:02 | Permanent-Link

    Ich war über 20 Jahre in der BayWa im Management aktiv und kann nur sagen, dass die Artikel von Herrn Hermannsen in den letzten Jahrzehnten immer zu 100% richtig sind, sogar immer diplomatisch korrekt! Man könnte das gesamte Desaster auch viel drastischer ausdrücken. Herr Lutz versteht es, sich öffentlichkeitswirksam zu positionieren und alle Kritiker mundtot zu machen, da er von Herrn Nüssel geschützt wird. Der kleine Napoleon hat in fast jeder Sparte die erfolgreichen Führungskräfte gefeuert, die Ergebnisse brachen danach massiv ein und erholten sich nicht mehr. Die Ergebnisse brachen um 50% oder mehr ein. Egal ob B&G, Obst Deutschland, Baustoffe, Agrar. Überall das gleiche Drama.
    Der Bereich Baustoffe war mal ein Marktführer, jetzt rangiert er seit Jahren mit schlechten Ergebnissen unter ferner liefen. Dasselbe in Agrar.
    Die Bedeutung der BayWa in Deutschland ist erheblich reduziert worden und dafür ist nur ein Einziger verantwortlich.
    Das erneuerbare Geschäft ist seit Jahren der Rettungsanker, diesen Bereich musste er als Order vom Aufsichtsrat nach seiner Ernennung aufbauen, das war nicht seine Idee.
    Dass Hr. Lutz nach all den Fehlschlägen, die auf sein Konto gehen, wieder bis 2025 weitermachen darf, ist für die Firma schlimm, und die Mitarbeiter tun einem leid. Meine Hoffnung war, dass er endlich in Ruhestand geht und Herr Taft als neuer CEO die BayWa rettet, ich bin unsicher, ob es 2025 noch etwas zu retten gibt, was es Wert wäre. Die enormen Reserven, die vor dem Antritt von Herrn Lutz über Jahrzehnte aufgebaut wurden, sind aufgebraucht worden, die besten Assets verkauft, niemand will heute noch den Bereich der klassischen Energie übernehmen, Baustoffe stand vor einigen Jahren bereits kurz vor dem Verkauf, als der Kandidat noch absprang, den Verkauf des Bereiches Obst Neuseeland hat er auch vergurkt, Agrar ist von einer Perle zu einem uninteressanten Bereich geworden, den niemand mehr kaufen will.
    Am Ende wird der Laden zerschlagen, und Herr Lutz wird alle anderen verantwortlich machen, nur nicht sich selbst. Ein Trauerspiel, viel schlimmer und peinlicher als Wirecard jemals für Bayern sein kann.
    Aber Herr Lutz wird weitermachen und dem FCBB jährlich Millionen nachschmeißen ohne Mehrwert für die BayWa, seine Auftritte bei der grünen Woche zelebrieren ohne Nutzen für diesen Konzern und sich überall mit Publikationen äußern, obwohl er besser sein eigenes Handeln seit seinem Amtsantritt überprüfen und den einzig richtigen Schluss finden sollte: Rücktritt und Ruhestand damit diese tolle Firma eine Chance bekommt dieses Jahrzehnt noch zu überleben.

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