Horst Hermannsen zur Debatte über Lebensmittelpreise

Spätrömische Dekadenz


Ist es so etwas wie spätrömische Dekadenz, oder leben wir in den besten aller Zeiten? Politik und Lobbyverbände diskutieren darüber, wie man das Essen verteuern könnte. So etwas ist neu und erscheint den meisten Menschen im Rest der Welt absurd.

Seit dem alten Rom waren niemals Mindest-, sondern stets Höchstpreise für Nahrungsmittel ein gefährliches Thema der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Berlin von heute sieht man die Probleme genau anders herum. Kanzlerin Merkel lud nach Bauernprotesten maßgebliche Vertreter des Lebensmittelhandels vor, um mit ihnen – ja, über was eigentlich? – zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit irrlichterte eine auch bei diesem Thema überforderte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner über die Preise für Hähnchenschenkel. Nebenbei plant sie eine Beschwerdestelle, bei der sich Landwirte melden können, wenn sie sich schlecht behandelt fühlen, aber den Konflikt mit den Einkäufern der Supermarktketten scheuen. Tolle Idee! (Wie viele Bauern haben eigentlich direkten Kontakt mit den Einkäufern von Supermarktketten?)

Lustige Butterpreisrunden im Kanzleramt

Die Roten und die Roten mit dem grünen Mäntelchen präferieren – wie sollte es anders sein - staatlich festgelegte Mindestpreise. Überwachen sollte die Einhaltung das Bundeskartellamt. Über die Höhe der Preise müsste man „gemeinsam als Gesellschaft reden", meinte die wirtschaftliche Sprecherin der Grünen-Fraktion. Das wird lustig, wenn dann immer am Freitagnachmittag im Kanzleramt die Butterpreise für die kommende Woche festgelegt werden. Was aber ist dann mit der Konkurrenz, sagen wir in Dänemark oder den Niederlanden? Dürfen die dann nicht mehr zu uns liefern? Und, was die grüne Fachfrau nicht weiß: Die Vorgabe von Mindestpreisen ist in Deutschland verboten, so das Kartellrecht.

Fundament von Prosperität

Günstige Lebensmittel sind, das gerät derzeit etwas in Vergessenheit, ein Fundament von Prosperität. Ein geringer Anteil an den Gesamtausgaben der Haushalte für Lebensmittel ist ein Indikator von „Wohlstand für alle“. Wirkliche, existentielle Armut erkennt man daran, dass Bürger den Großteil ihres Einkommens für Nahrung, also zur tatsächlichen Aufrechterhaltung des Lebens, aufwenden müssen. Wohlstand ist alles, was über diese unmittelbare Subsistenz hinausgeht. Kein hiesiger Bauer möchte deshalb mit einem Kollegen tauschen, der in einem Land wirtschaftet, in dem die Bewohner 60, 70 oder gar 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrung ausgeben. Dort ist die Gesellschaft nicht in der Lage, ihre Bauern so zu unterstützen, wie dies hierzulande der Fall ist.

Subventionen auf Lebensmittelpreise draufschlagen

Die Landwirtschaft ist uns hierzulande aber lieb und teuer – genau in dieser Reihenfolge. Deshalb stammen rund 40 Prozent ihrer Einkommen aus öffentlichen Subsidien. Diese könnte man zwar theoretisch auf die Lebensmittelpreise aufschlagen, denn sie werden ja vom Verbraucher in seiner Eigenschaft als Steuerzahler erbracht, das wäre jedoch falsch. Landwirte stellen, von Ausnahmen abgesehen, keine Lebensmittel her, sondern Rohstoffe. Bei Backwaren oder Bier könnten sich die Preise verdoppeln, ohne dass sich die Getreideabrechnungen ändern würden.

Bei veredelten Erzeugnissen wie Fleisch- und Wurstwaren oder Molkereiprodukten ist der landwirtschaftliche Anteil zwar höher, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Die hierzulande erzeugte Milch wird zu gut 50 Prozent exportiert, deshalb geben internationale Abnehmer wesentliche Preissignale. Davon unabhängig werden die Lebensmittelpreise vor allem von Steuern und Abgaben sowie den Kosten für Energie, Mieten und Logistik beeinflusst.

Verbraucher verschmähen Fairtrade-Bananen

 

Der deutsche Lebensmittelhandel liefert sich einen gnadenlosen Wettbewerb. Wer nicht Schritt hält, wird vom Verbraucher abgestraft. Täglich stimmen Millionen Kunden mit den Füßen über den Händler ihrer Wahl ab. Der Discounter Lidl hat das vor einiger Zeit zu spüren bekommen: Man wollte nur noch Bananen mit dem Fairtrade-Siegel verkaufen, die freilich zwischen zehn und 20 Cent pro Kilo teurer sind. Der Schuss ging nach hinten los, die Kunden kauften ihre Bananen woanders.

Wie wäre es mit einem Kanzlergipfel zu Hartz 4?

Persönlich bin ich mit dem Angebot im Lebensmittelhandel so wie es ist zufrieden und teile auch die ethischen Bedenken nicht. Wer das anders sieht, wem die Preise zu niedrig sind, oder wer an „Bio“ glaubt, dem steht es doch ohne weitere staatliche Eingriffe frei, mit seinem Geld entsprechend zu handeln, ohne in die Freiheit derjenigen, die es nicht tun, einzugreifen.

Vielleicht gehört das gar nicht hierher, und doch sehe ich einen Zusammenhang: Wie wäre es denn mal mit einem Kanzlergipfel zum Thema Hartz 4, Niedrigstlöhne oder Altersarmut? Für Tariftreue? Gegen Strompreiserhöhungen…?

 

2 Kommentare

  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 28. Februar 2020 09:21 | Permanent-Link

    Glauben Sie, werter Herr Hermannsen, dass unsere billigen Lebensmittel tatsächlich sooo günstig sind!? Eine solche Feststellung lässt sich nur dann halten, wenn man isoliert die Abgabepreise an der Ladentheke gewichtet.

    Warum im eigentlichen prosperieren die Nahrungsmittelpreise derzeit so stark? Weil das Kartellrecht keinen Mindestpreis zulässt? - Wir vergessen dabei geflissentlich, was die Bauern gegenwärtig nahezu in Ausschließlichkeit auf ihren Äckern anbauen, und das weltweit! Ja sehr richtig, Nahrungsmittel und damit erfolgt die „geordnete“ Reglementierung schon weit vor einem Preiskartell. Die von Ihnen thematisierten „Butterpreisgipfel“ sind ohnedies nur solange nachgefragt, als dass mehr als zwei Drittel Abfall von unseren Äckern, in unseren Ställen, insbesondere in der Hähnchenmast, bittere Realität bleiben, ...übrigens bitter nicht nur für die Bauern! Die Abfälle z.B. dieser Hähnchen, die jeder verwöhnte Verbraucher verschmäht, ruinieren halb Afrika derzeit.

    Was eint momentan den gutbürgerlichen Sparer mit dem Hähnchenmäster vollkommen unbestritten!? - Bingo, beide eiern allenfalls bei Renditen für ihr eingesetztes Kapital zwischen 0,01bis herausragenden 0,05 Prozent herum, zittern bereits vor den in Erwartung stehenden Negativzinsen.

    Die angesprochenen Subsidien für die Bauern bedürfen in der Wortwahl vielleicht einer kleinen Korrektur: Wir sprechen wohl weitaus korrekter von der Alimentierung des Staates in alljährlich „intensivmedizinisch notwendiger Dringlichkeit“, damit ein Teil der Bauern gerade noch überleben kann - von einer betriebswirtschaftlichen Hängepartie zur nächsten. Weit ehrlicher wäre, folgerichtig einzuschätzen, dass diese Bauern-Gelddroge ungeschmälert in erster Linie mittlerweile mit über 60% bei jenen ankommt, die dafür keinen Finger krümmen müssen, auch nicht von erdrückenden Sorgen gepeinigt sind, angesichts der sie mehr und mehr ereilenden Auflagenflut ständig reale Albträume durchleben zu müssen. Diese mit Staatsknete abgesicherten „Krumen-Renditen“ sind also nahezu risikofrei weit jenseits der 0,01-Prozent-Kleinsparer-Oppressionen angesiedelt. Was mehr begehrt das Eigentümerherz?

    Heute exorbitante Energiekosten könnten übrigens auch die Bauern Geld verdienen lassen. Warum wohl aber weiß man das strikt zu unterbinden, schiebt rigoros einen Riegel vor, u.a.überhaupt nach diesem Flaschenhals zu greifen!? Versagt hier nicht vielleicht auf ganzer Linie Ihr Kartellrecht und im Besonderen die auch von Ihnen hoch geschätzte liberale Marktwirtschaft, werter Herr Hermannsen!?

    Nun, wie so oft im Leben: Es gibt Wahrheiten, aber noch weitaus mehr Halbwahrheiten.

    Die heutigen „modernen“ Bauern, zur digitalen, für jedermann gläsernen Hightech-LW geradezu verdonnert, cruisen mit Boliden über Ihre Äcker, mittels digitalem Auge durch die eigenen Ställe und lassen sich dabei förmlichst das über Bauerngenerationen hart erarbeitete Familienvermögen in kürzester Zeit förmlichst entreißen, um hernach allenfalls auf Hartz-IV-Nivau, bestenfalls sogar noch darunter, entlohnt zu werden. Negativzinsen stehen ohnedies schon auf dem Plan, warum also nicht auf den Bauernhöfen, zumindest bis eben zum Zeitpunkt des Exits, ...wenn wirklich nichts mehr abzuholen ist!? Werter Herr Hermannsen, viele Bauern sterben aktuell einsam und glücklicherweise sehr leise!

    Die reichsten Familien Deutschlands, darunter auch die Familie Schwarz, machen sich natürlich keine weitreichend intensiven Gedanken darüber, wie man eben selbst zu diesem gigantischen Reichtum innerhalb kürzester Zeit gekommen ist...

  2. Heribert Alef
    Erstellt 1. März 2020 20:32 | Permanent-Link

    Die Situation treffend beschrieben Herr Herrmannsen. Hoffentlich lesen die politischen Protagonisten diesen Kommentar. Es ist erschreckend wie schlecht beraten Frau Merkel in solche Gespräche stolpert. Der Verursacher dieser populistischen Politik sind Unfähigkeiten der handelden Personen. Frau Klöckner treibt nahezu jede Woche eine Sau durch die Landschaft um Ihre nicht vorhandene Fachkompetenz zu überdecken. Heiße Luft und verunglückte Selbstdarstellung. Frau Merkel merkt das nicht und schon gar nicht die Selbstherrlichkeit mit der Frau Klöckner das Agrarresor der Lächerlichkeit Preis.

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