Horst Hermannsen zur Kanzlerkandidatur

Populist in Hochform

Der bayerische Ministerpräsident folgt prinzipienlos dem Zeitgeist. Mit Hilfe der Grünen, die er einst zum „Hauptfeind“ erklärte, will er nun Kanzler werden.

Aufgeschreckt von handaufhaltenden Amigo-Mutanten seiner Partei und der Möglichkeit Kanzler zu werden, gerät der Populist Markus Söder (CSU) nun in Höchstform. Für ihn sind politische Überzeugungen nur hinderlich. Offen und Beifall heischend kritisierte er einst die Kanzlerin wegen ihrer Griechenland-, Flüchtlings-und EU-Politik. Heute klingt das so: „Die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur sollte eng mit Angela Merkel abgestimmt werden. Denn es muss ein gemeinsamer Wahlkampf mit der Bundeskanzlerin werden. Ein Unionskandidat kann ohne Unterstützung von Angela Merkel kaum erfolgreich sein“, lässt er eine verdutzte Öffentlichkeit wissen. Dabei war es doch Merkel (CDU), die ihre Union nach rot/grün verschob und den Sinkflug in der Wählergunst einleitete. Konservative Wähler verloren somit ihre politische Heimat.

Vor gut zwei Jahren sagte Söder noch vor CDU-Politikern in Berlin, die Grünen würden ein „knallhartes Programm Richtung links“ verfolgen und seien der politische Hauptgegner der Union. Heute klingt Söder bei Umweltthemen fast genauso wie Habeck und Baerbock. „Agrar-Ökologie statt Agrarkapitalismus“ ist eines seiner inhaltslosen Schlagworte. Aus den Steckdosen seiner Regierungszentrale komme nur noch Ökostrom versichert er. Bedenkenlos räumte er ein unliebsames Volksbegehren zum Insektenschutz ab, indem er die Forderungen in atemberaubender Geschwindigkeit zum Regierungsprogramm machte. Dies war selbst für die eigene Fraktion überraschend, zumal Söder damit den Unmut vieler Landwirte in Kauf nahm.


Damals umarmte er vor der Staatskanzlei in München für Pressefotografen behutsam Platanen. Für Söder, der das Spiel mit den Bildern perfektioniert hat, war das eine sehr bewusste Annäherung.   Seine Avancen an die Grünen, verschreckt zwar zunehmend die schrumpfende Zahl traditionellen CSU-Anhänger. (Wer in diese Richtung will, wählt doch lieber gleich das Original). Aber der Gefälligkeitspopulist aus München kennt natürlich auch den Zeitgeist, dem die Gesellschaft verfallen scheint, und dem folgt er prinzipienlos.  Am vergangenen Wochenende versicherte Söder noch, er werde nur das Kanzleramt anstreben, wenn die Mehrheit der CDU-Delegierten auch dafür sind; heute möchte er davon nichts mehr wissen und verweist auf aktuelle Umfragen die ihn zeitweise favorisieren. 

 
Vor Jahren attestierte der heutige Bundesinnenminister und damalige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer seinem Parteifreund Söder, „charakterliche Schwächen“ und einen Hang zu „Schmutzeleien“. Er sei vom „Ehrgeiz zerfressen“.  Seehofer wollte ihn unbedingt verhindern.  Schließlich sollen es Söder, beziehungsweise seine Gefolgsleute gewesen sein, die vor etlichen Jahren als erste Einzelheiten von Seehofers pikantem Privatleben an die Medien durchstachen. Andererseits verbinden Seehofer und Söder eine ganz wesentliche Gemeinsamkeit: Ihre jeweiligen politischen Aussagen haben kurze Halbwertzeiten. Beide sind Meister des rasanten Positionswechsels. Die politische Kehre ist freilich ein Genre, das CSU-Granden schon immer meisterhaft beherrschten.
 
Zur Erinnerung: der CSU-Spitzenkandidat Söder fuhr bei der bayerischen Landtagswahl 2018 das schlechteste Ergebnis seit 1950 ein. Damals halfen weder der alberne Kruzifix-Erlass für Behörden, noch das Nachplappern von AfD-Argumenten. Aber vielleicht qualifiziert in diesen uncharismatischen Zeiten allein Opportunismus zum Kanzlerkandidaten? Die Abrissbirne aus der Uckermark, Angela Merkel, hat in 16 Jahren ganze Arbeit geleistet, wenn die Union heute nur noch zwischen zwei Figuren wie Laschet oder Söder wählen kann.
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