Horst Hermannsen zum landwirtschaftlichen Strukturwandel

„Bauernsterben“

az
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Hoffnungslosigkeit, Wut und Verzweiflung treiben Bauern in diesen Monaten auf die Barrikaden. Sie blockieren mit beeindruckend großen und teuren Traktoren die Zufahrtswege ihrer wichtigsten Kunden, also Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels.

 Geradezu beschwörend beklagen sie ein „Bauernsterben“. Natürlich müssen auch Bauern sterben – ich glaube im Schnitt mit 82 Jahren. Gemeint ist aber wohl ein „Höfesterben“, dass man weniger dramatisch als Strukturwandel bezeichnen kann. Aktuell macht sich besondere Enttäuschung bei Schweinehaltern lauthals bemerkbar. Dabei müsste ihnen der in Lehrbüchern beschriebene Schweinezyklus doch bekannt sein: Produktion hoch, Preise runter. Produktion runter, Preise hoch. Sie erfahren schmerzlich die Auswirkungen des Preistiefs, nach der Hochpreisphase. Neben Gründen wie der Afrikanischen Schweinepest (ASP), begrenzten Exportmöglichkeiten und rückläufigem Konsum ist die EU-weite Überproduktion mit eine Ursache des heutigen Preistiefs. Alles funktioniert also noch so wie immer.

Das fatale am Strukturwandel: Künftig werden noch mehr Höfe schließen, weil Gesellschaft, Handel und Politik  ihnen zunehmend mehr Umwelt- und Tierschutz abverlangen. In die Irre führt allerdings dabei die Rhetorik der noch einige Tage amtierenden Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gegen die Supermarktketten, die sie vom Bauernverband übernommen hat. Nicht die Händler haben das Problem der Bauern verursacht. Wenn Händler nicht den für sie bestmöglichen Preis aushandeln würden, unterlägen sie irgendwann ihren Konkurrenten. Verantwortlich sind vielmehr Verbraucher, die preiswerte Lebensmittel bevorzugen; vor allem aber der bäuerliche Berufstand selbst, der mehr produziert, als er zu auskömmlichen Preisen verkaufen kann. Deshalb ist er den zeitweise erratischen Schwankungen der Exportmärkte ausgesetzt.

Können der Bauern ist ein Grund für die Transformation

Die Veränderungen der Landwirtschaft haben viele Facetten und einen entscheidenden Grund: Es ist Fleiß und professionelles Können der Bauern. Die ihr Handwerk verstehen, setzen verstärkt auf den technisch-biologischen Fortschritt. Damit verändern sich Bodennutzung, Wirtschaftsweisen und Tätigkeitsfelder. Immer weniger Landwirte bewirtschaften immer größere Betriebe. Der Produktivitätsfortschritt nimmt laufend zu. Das ermöglicht einerseits, dass die Rohstoffe für Lebensmittel effizienter produziert werden. Andererseits benötigt die Landwirtschaft aber mehr kapitalintensive Produktionsgüter wie zum Beispiel leistungsfähige Technik. Nicht zuletzt deshalb steigt der wirtschaftliche Druck auf die einzelnen Höfe. Insbesondere für kleinere und mittlere Höfe wird es somit schwieriger, eine Nachfolge zu finden – weil vorgesehene Erben eine Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft anstreben oder notwendige Investitionen nicht schultern können. Bei wachsender Betriebsgröße ist eine Hofnachfolge wahrscheinlicher.

Befeuert wird diese Entwicklung durch die EU-Agrarpolitik, deren Fördermittel einen wesentlichen Einkommensanteil vieler Landwirte ausmachen. Je größer ein Betrieb, desto mehr Subventionen, die irgendwie an ein bedingungsloses Grundeinkommen erinnern. Andererseits fällt es zunehmend schwer, die Betriebe zu vergrößern. Agrarflächen werden teurer. Maßgebliche Preistreiber sind außerlandwirtschaftliche Investoren. Die politisch gewollte Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) enteignet auf der einen Seite die Sparer und macht andererseits landwirtschaftliche Flächen als Anlage attraktiv. Ebenso beschleunigt das EEG den Preisanstieg. Dadurch wird ein Anreiz geschaffen, Fotovoltaik- und Windkraftanlagen zu errichten oder Energiepflanzen anzubauen. Dagegen haben pachtwillige Landwirte, die Schweine mästen oder Kühe melken, kaum Chancen.

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