Jörg Huthmann zum Ukraine-Krieg

Weiter Geschäfte mit Russland machen?

Jörg Huthmann
Huthmann
Jörg Huthmann
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Die Landtechnikbranche steckt in der Klemme. Die Export der meisten Produkte nach Russland ist weiter erlaubt - aber ist er auch moralisch vertretbar?

Fast alle nationalen und internationalen Landtechnikfirmen sind sich einig. Ein „business as usual“ kann es nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine nicht geben und so haben die meisten Branchengrößen ihre Lieferungen nach Russland und Belarus schon vor Wochen eingestellt. Mittlerweile sind viele Transport- und Zahlungswege nicht mehr nutzbar, doch zumindest bei Ersatzteilen mag noch etwas gehen - soweit sie nicht auf Sanktionslisten stehen, weil sie auch militärisch nutzbar sind. Gleichzeitig kümmert man sich so gut wie möglich um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ukraine, spendet großzügig an Hilfsorganisationen und beobachtet die Entwicklung.

Das Dilemma, in dem die Firmen stecken, zeigt ein Satz aus einer CNH Pressemitteilung vom 11. März 2022: „CNH Industrial is also supporting its employees in Russia. As a company we make a clear distinction between our employees and their respective governments.“ Frei übersetzt: „CNH Industrial unterstützt auch seine Mitarbeiter in Russland. Als Unternehmen machen wir einen klaren Unterschied zwischen unseren Mitarbeitern und ihren jeweiligen Regierungen.“


Eine Sprecherin von Henkel wird in der online-Ausgabe der WirtschaftsWoche vom 29. März mit der Aussage zitiert, dass ein vollständiger Rückzug aus Russland auch für die Mitarbeiter vor Ort weitreichende Konsequenzen haben könnte. Am 19. April folgte dann die Kehrtwende: Henkel zieht sich doch aus Russland zurück. Das Landtechnikunternehmen Grimme wird in dem erwähnten WiWo-Artikel mit der Aussage zitiert, dass man hoffe, zum Start der Saison beim Pflanzen von Kartoffeln und Säen von Rüben weiter unterstützen zu können.

Direkt nach Kriegsbeginn am 24. Februar klang das bei manchen Firmen noch anders. Da wurde mit dem Beitrag der Landtechnik zur Welternährung und ähnlichen Argumenten gearbeitet. Doch der vermeintliche Altruismus kam vor allem in den sozialen Medien, aber auch in anderen Kanälen nicht gut an.

Unbestritten bleibt, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Ukraine und Russland nicht nur für den jeweiligen Eigenbedarf unverzichtbar ist, sondern wesentlich zur Welternährung beiträgt. Die kriegsbedingten Marktturbulenzen haben für einige Weltregionen, allen voran Nordafrika, schwerwiegende Folgen, denn die Grundversorgung hängt dort fast vollständig von Getreideimporten ab. Doch zumindest die aktuell anstehenden Ernten in der Ukraine werden ganz oder teilweise entfallen. Wie es dann mit der Landwirtschaft weitergeht, bleibt abzuwarten.

Der Konflikt geht mit großer Brutalität weiter und immer mehr Verdachtsfälle für Kriegsverbrechen der russischen Aggressoren kommen ans Licht. Weitere Sanktionen des Westens werden folgen. Der Yale-Wirtschaftsprofessor Jeffrey Sonnenfeld führt Buch über Unternehmen, die Russland verlassen. Und in seiner „Hall of Shame“ findet sich, wer weiterhin in Russland Geschäfte macht. Ein westliches Unternehmen, das dort aktiv bleibt, sollte sehr gute und überprüfbare Gründe dafür haben. Allerdings: Ein grundsätzliches Exportverbot existiert für viele Güter weiterhin nicht und unternehmerische Freiheiten gelten nach wie vor. Auch Zahlungswege lassen sich immer noch finden.

Natürlich ist eine Rechnung erlaubt, die den möglichen wirtschaftlichen Schaden durch eine „no more business with Russia“ Strategie dem Imageschaden bei der Kundschaft und den eigenen Leuten sowie daraus resultierenden Kaufentscheidungen und möglichen politischen Folgen gegenüberstellt. Die Frage muss jedes Unternehmen für sich beantworten. Was das für die landwirtschaftlichen Produktion sowie die daraus resultierenden Warenströme bedeutet und mit welchen Maschinen in Russland in Zukunft geackert und geerntet wird, ist deshalb aktuell nicht zu beantworten.

Doch wer sich damit rechtfertigt, dass es gilt, auch die russischen Mitarbeiter zu schützen, oder argumentiert, Schokolade oder Shampoo habe mit Rüstung und Krieg nichts zu tun, der lügt sich selbst in die Tasche. Sanktionen müssen schmerzen und Druck aufbauen, sonst sind sie wirkungslos. Und das funktioniert nur, wenn möglichst alle mitmachen. Putins Russland zeigt immer wieder, dass es auf Schwächen mit Verachtung reagiert und nur mit massivem Druck zu echten Verhandlungen zu bewegen ist. Jeder neue Angriff kostet Menschenleben. Deshalb muss der Druck steigen und das haben auch die Unternehmen in der Hand.

  1. Johannes Dieckmann
    Erstellt 22. April 2022 14:42 | Permanent-Link

    Ausgewogene Argumentation, klare Schlussfolgerung. Nur so gehts. Alles andere ist scheinheilig

  2. Hartmut Kieckbusch
    Erstellt 22. April 2022 21:56 | Permanent-Link

    Man hört nur: der böse Putin. Alle die das sagen plappern nur den Medien des Westen nach die uns total beeinflussen . Wer die Gegenwart verstehen will muss sich mit der Vergangenheit der letzten 20 -30 Jahre der Ostpolitik beschäftigen. Wer das realistisch tut begreift schnell das der Westen und voran die USA der Hauptschuldige in diesem Konflikt. Die Wirtschaft sollte sich nicht nur die guten Zeiten aussuchen . Reden und Handel hat schon immer die Welt Vereint .Über 50 % der Weltbevölkerung steht auf der Seite der Russen auch wenn uns immer was Anderes erzählt wird. Aber wenn der US Konzern Jon Deere sein Handel einstellt soll er auch nicht wieder anfangen wenn sich die Lage entspannt. Hoffentlich merken sich das die Russen.

  3. Philip von dem Bussche
    Erstellt 27. April 2022 09:58 | Permanent-Link

    Herr Kieckbusch: Hat Rußland die Ukraine überfallen oder umgekehrt ? Lagen tatsächlich Schauspieler und keine Leichen auf den Straßen in Butcha ? Ist Putin tatsächlich nicht böse sondern gut ?

stats