Katja Bongardt über minderwertige Wurst mit Silbermedaille

Naiv

Die DLG ist ein etablierter Vertreter der bäuerlichen Interessen und deren Prüfzentren sind renommierte Einrichtungen. Doch muss sich die DLG die Frage gefallen lassen, ob ihre Medaillen noch zeitgemäß sind.

Aktueller Anlass ist der Medienwirbel um die Wurst. Journalisten hatten den DLG-Prüfern, die Gold-, Silber - und Bronzemedaillen für Lebensmittel vergeben, eine "aus dem letzten Rest" - wie es ein Metzger medienwirksam ausdrückt - zusammengeschusterte Geflügelfleischwurst untergeschoben. Die zeichnete die DLG mit einer Silbermedaille aus.

Das war eine vorsätzliche Täuschung. Denn es ist nicht Aufgabe der geschulten und nach Din-Norm arbeitenden Prüfer, die Herkunft des Fleisches in der Wurst zu testen. Sie sind in erster Linie für eine sensorische Prüfung verantwortlich, also für Aussehen, Konsistenz, Geschmack und Geruch.

Dennoch hat die DLG ein Glaubwürdigkeitsproblem. Jeder kennt die Medaillen, die auf Wein, Müsli- oder Fleischverpackungen glänzen. Sie sind verkaufsfördernd. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass die Medaillen eine Voraussetzung für die Listung im Discounter sind.

Aber ist dem Kunden wirklich klar, dass es bei der Auszeichnung nur um Äußerlichkeiten geht? Eindeutig nein. Und ist es vor dem Hintergrund von Tierwohldiskussionen und den hohen Ansprüchen, die ans Essen gestellt werden, noch zeitgemäß, nicht auf Inhalte zu schauen? Die DLG sagt, ein sicherer Nachweis für Separatorenfleisch ist bislang zweifelsfrei nicht möglich. Es gibt aber histologische Tests, die einen sensorischen Befund zur Beurteilung von Fleisch und Wurst ergänzen. Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, der DLG-Prämierungspraxis eine Modernisierung zu verpassen.

Bildergalerie: Was das Mikroskop verrät: 
Foto: Beneke


Als naiver, uninformierter Supermarktkunde gehe ich davon aus, dass eine Geflügelwurst, die weniger als 10 Prozent Fleisch enthält, einer Silbermedaille nicht würdig ist. Sonst könnte man ja auch auf Sägemehl ein Siegel kleben, nachdem es eine exzellente Gewürzmischung verpasst und eine ansprechende Form bekommen hat  - Hauptsache es sieht gut aus und riecht und schmeckt lecker.

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  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 13. April 2018 12:15 | Permanent-Link

    Noch unsere Vorfahren waren in Vielzahl Selbstversorger, Hausschlachtungen entsprachen in den Mehrgenerationen-Haushalten zu damaligen Zeiten dem Standard. Demnach bestimmte nachhaltig jeder Verbraucher auch vorwiegend selbst, welche Qualitäten auf seinem Küchentisch landeten. Das Schlachtgut wurde im übrigen zu 100 Prozent einer Verwertung zugeführt.

    Genau diese Form der direkten Wertschöpfung hat allerdings die EU mittlerweile rigoros unterbunden.

    Aus eben solchen unmissverständlichen Zusammenhängen konstituieren sich mittlerweile auch die fatalen Auswüchse eines Systems, wo Fleisch zu einem durchgängig universellen Ramschprodukt verkommen ist, das infolge dessen zwangsläufig auch einem extrem hohen Wegwerfpotential unterliegt. Produziert wird selbiges als Massenprodukt, das schlichtweg einfach nur DAS Kriterium schlechthin erfüllen muss, durchgängig spottbillig zu sein.

    Der afrikanische Kontinent u.a. erzürnt sich allerdings keineswegs darüber, dass die dortigen Märkte mit unseren Schlachtabfällen geradezu geflutet werden. Ob wir dessen Bauern damit ruinieren oder auch nicht, spielte bislang zumindest unter ethischen Gesichtspunkten eine vollkommen untergeordnete Rolle. Die Flüchtlingsströme nunmehr, die mittlerweile jedoch in Massen Zugang zu unseren überreich gedeckten Tischen suchen, bewerkstelligen dahingehend endlich ein doch beschleunigteres Hinterfragen genau solcher Strukturen.

    Wer als kleines Bäuerlein und zahlendes Mitglied die doch unverkennbar elitären, nach wie vor archaischen Hierarchien der DLG-Kreise und -Foren durchdringt, kann obige Vorkommnisse jedoch bestens nachvollziehen. Genau über diese Arroganz ist man jetzt allerdings auch mit hoch erhobener Nase extrem ins Stolpern geraten.

    Es reicht mithin schlichtweg nicht aus, mittels sagenumwoben hypermodernen Thesen die Landwirtschaft und damit das gesamte Lebensmittelumfeld auf dem Papier revolutionieren zu wollen während im Background „agribusiness as usual“ routinemäßig profitabel abgespult wird.

    Wagt endlich realiter ein Hauptaugenmerk auf die bäuerlichen Einkommen auf unseren Höfen; nehmt sehenden Auges wahr, wie desaströs aktuell die dortigen Situationen zunehmend total aus dem Ruder laufen!

    Es ist mir im übrigen durchaus bewusst, dass dieser Kommentar nicht „DLG anerkannt“ mit diesem heiß begehrten Gütesiegel versehen wird. - Wahrheiten, die schmerzen sollen/müssen, nicht nur in Reihen der Bauern!

    Mit blumigen Worten sowie in erster Linie Außenstehende äußerst beeindruckenden Attitüden werden die Bauern geradezu zugeschüttet, an Euren Taten allerdings wollen wir Euch messen und dieses Feld ist derzeit leider alles andere als bestens bestellt. - Das superreiche Deutschland schafft seine Bauern ab!
    Und genau obige Vorkommnisse sind ein weiteres eindeutiges Indiz dafür.

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