Katja Bongardt über Schlachthöfe

Aus der Verantwortung gestohlen

Als Folge der Schlachthofskandale stellt die niedersächsische Landwirtschaftsministerin die Systemfrage. Sie hat Recht.

Die Methode ist mittlerweile alt. Tier-Aktivisten verschaffen sich illegal Zutritt zu Gebäuden und filmen Zustände, die oft genug unerträglich sind. Zwei Dinge an den kürzlich veröffentlichten Videos sind allerdings neu. Zum einen: Die Aktivisten liefern kein Material mehr aus Ställen. Die Filme stammen aus Schlachthöfen. Zum anderen: Beschwichtigungen bleiben aus. Die Beschuldigten geben die massiven Verstöße gegen den Tierschutz in ihren Häusern umunwunden zu. So geschehen im Fall des Schlachthofes in Oldenburg wie auch bei den jüngsten Vorkommnissen in einem Bio-Betrieb in Laatzen nahe Hannover. Das ist neu. Allerdings: Was bleibt den Schlachthofbetreibern auch übrig? Die Bilder waren eindeutig. 

Leider kommt damit man in der Sache keinen Schritt weiter. Denn niemand will die Verantwortung übernehmen. Die Abwehrreflexe haben lediglich ein bisschen später eingesetzt. „Es war bei mir, aber ich war es nicht“, ist aus den Schlachthöfen zu den Grausamkeiten zu hören. Schuld sind die Werksverträge und die ausländischen Arbeiter, die nichts von Tierwohl verstehen würden und wissen wollten. Das ist ein erbärmlicher Versuch der Verantwortlichen, sich aus der Schusslinie zu nehmen.

Der Vorsitzende des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF), Paul Brand, spricht von Einzelfällen und errechnet bei den 333 niedersächsischen Schlachthöfen eine Quote von 0,6 Prozent an betroffenen Betrieben. Das mag stimmen. Dennoch hat die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) recht, wenn sie die Systemfrage stellt und erklärt, dass die bisherigen Bemühungen der Fleischindustrie nicht ausreichen.

Solange die Standards, die sich die deutsche Gesellschaft im Umgang mit Tieren verschreibt, nicht eingehalten werden, ist tatsächlich die Systemfrage zu stellen. Und da passen eben ein paar entscheidende Dinge nicht zueinander. Einerseits der Wunsch nach billigem Fleisch der Mehrheit der Verbraucher, dessen Produktion effizienzgetrieben ist - Werksverträge mit billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, die outputorientiert und nicht tierwohlorientiert sind, inklusive. Auf der anderen Seite stehen die ethisch und moralisch höchsten Ansprüche an den Tiersektor.

Die traurige Pointe im jüngsten Schlachthofskandal ist, dass es ausgerechnet wieder einen Bio-Schlachter trifft. So war doch gerade die Bio-Bewegung angetreten, am "System" etwas zu ändern.

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