Landwirtschaft und Politik im Beziehungsstress

Spätsommerhitze

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Mitte September eines jeden Jahres lädt der Deutsche Bauernverband (DBV) zum traditionellen „Grummetfest“. Der letzte Wiesenschnitt („Grummet“ – mittelhochdeutsch für Grün-Mahd) ist eingebracht und die Herbstsaison eröffnet. Die Tage werden kürzer und die Hitze des Sommers ist vorüber. Zeit um sich einmal in Ruhe mit anderen Branchenteilnehmern und Vertretern der Politik auszutauschen und aktuelle Themen zu diskutieren.

Beim diesjährigen Grummetfest in dieser Woche war jedoch eine besondere Hitze innerhalb des wohltemperierten Raumes am Sitz des DBV in der Claire-Waldoff-Straße in Berlin Mitte spür-, ja förmlich greifbar. Denn auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner persönlich folgte diesmal der Einladung und sandte keinen Staatssekretär nur für ein Grußwort. Und sie verwies die Teilnehmer auf die große Zahl der sie begleitenden Mitarbeiter ihres Hauses. Abteilungsleiter, Unterabteilungsleiter und viele andere Fachleute stünden während des Abends dem Publikum für Fragen und klärende Gespräche zur Verfügung. Offenbar sah sie Bedarf dafür.

Als Gastgeber betonte DBV-Präsident Joachim Rukwied die „große Bereitschaft der Bäuerinnen und Bauern an einer gesellschaftlich akzeptierten Form der Landwirtschaft weiter mitzuwirken“. Nachhaltig, umweltschonend soll und wird sie sein, das Tierwohl spiele in diesen Bemühungen eine herausragende Rolle, und natürlich der Klimaschutz. Doch dann wurde Rukwied ernst. In der Landwirtschaft - und zwar der gesamten – herrsche eine große Frustration, machte er deutlich. Dabei gehe es keinesfalls um die EU-Agrarpolitik, die lasse sich schon regeln, zeigte er sich zuversichtlich. Aber beispielsweise das Mercosur-Abkommen sorge in der deutschen Landwirtschaft für Verdruss. Damit würden Doppelstandards in offenen Märkten weiter verbreitet, so Rukwied erzürnt.


Aber noch viel gravierender seien politische Eingriffe in die Landwirtschaft auf nationaler Ebene. Beispielsweise durch das kürzlich vom Bundeskabinett verabschiedete „Aktionsprogramm Insektenschutz“ werde die Landwirtschaft, sollte es wirklich zu dessen Umsetzung kommen, massive und irreprable Nachteile erleiden, machte er sich Luft. Damit verlasse die Politik den bisher immer gefundenen kooperativen Weg. Von einem möglichen Verbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln auf entsprechenden Flächen seien mehr als 3 Mio. ha betroffen. Das entspräche einer Wertminderung der Flächen in einer Größenordnung von 30 Mrd. €.

In ihrer Antwort verwies eine erkennbar angespannte aber dennoch souveräne Landwirtschaftsministerin auf den doch regelmäßigen Austausch zwischen Agrarsektor und ihrem Haus. Wie sich dieser in den vergangenen Wochen gestaltet hat, ließ sich jedoch nur erahnen. Oft  gebrauchte sie die Anreden "Aber Leute", "Liebe Freunde" und appellierte an "Redlichkeit" im Umgang miteinander. Was war da wohl bisher geschehen?

Dann ging Klöckner in die Offensive. "Wir erleben eine Zeit der Zäsur", sagte sie. Und weiter: "Lieber Herr Rukwied, man kann nicht ignorieren, wie die Landwirtschaft heute in der Gesellschaft ankommt". Dabei werde "das Image der Landwirtschaft in der Gesellschaft der Relevanz dieses wichtigen Berufsstandes nicht gerecht", gestand sie zu. Und bei dem heftig kritisierten Aktionsprogramm Insektenschutz handele es sich ja bisher nur um einen Vorschlag. Die Ministerin plädierte für den aus anderen Politikbereichen bekannten "Runden Tisch", an welchem sich die Vertreter der Gesellschaft doch versammeln und einigen mögen. Ein nationaler Konsens sei dringend erforderlich. Mit guten Wünschen und der andauernden Bereitschaft zu Gesprächen mit der Landwirtschaft - auch unter geänderten Voraussetzungen - verabschiedete sich die Ministerin und machte sich auf den Weg in das naheliegende Kanzleramt. Dort gingen die Beratungen über das Paket zum Klimaschutz in die letzten Runde.

Fazit des diesjährigen Grummetfestes: Landwirtschaft und Politik befinden sich in einem ausgeprägten Beziehungsstress. Traditionelle Bindungen fasern aus. Ob und wie sich neue ergeben, muss die Zukunft zeigen. Einen Therapeuten für derartige Fälle gibt es nicht. Das müssen die Beteiligten schon untereinander regeln. Für Gesprächsstoff im weiteren Verlauf des Abends war jedenfalls gesorgt.

1 Kommentar

  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 20. September 2019 10:15 | Permanent-Link

    Der Bauernverband und seine Repräsentanten ernten heute leider die Früchte jener jahrzehntelang unseligen Pöstchenschacherei, wo man insbesondere innerhalb der Reihen unserer berufsständischen Eliten sehr reiche Ernten einzufahren vermochte. Diese Allianzen vermittelten stets eine äußerst trügerische Planungssicherheit/-hoheit, die unbemerkt spannungsgeladen mehr und mehr empfindliche Risse bekam.

    Das marginale Restvölkchen der heute noch hartnäckig verbissen auf ihren Höfen ackernden Bauerntore verspürt nun die schmerzhaften Konsequenzen einer solchen irregeleiteten Entwicklung: Heute ist jede Einheit, die erst gar nicht produziert wird, die bessere Einheit!

    Das dritte Jahr nun in Folge sind in weiten Bereichen Missernten auf unseren Feldern eingefahren worden und dennoch ist dieses Wenige noch immer ein Zuviel des Guten. Dabei wirken die desaströsen Erzeugerpreiskonstellationen als äußerst bedrohlicher Bauernwürgegriff obendrein.

    Wie kann man also hoffnungsvoll an einem runden Tisch Platz nehmen wollen, wenn sämtliche Trümpfe schon im Vorfeld verspielt wurden!? - Vielleicht kann den einfachen Bauern unser hochverehrter Herr Rukwied diese Frage zunächst einmal beantworten!?

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