Mareike Scheffer zur Ernährungssicherung

Mehr Mut zum Umdenken

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In den sozialen Medien wird diskutiert, wie grün Agrarpolitik angesichts drohender Hungersnöte sein darf – vereinzelt mit Argumenten jenseits des guten Geschmacks.

Vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen steht die Bundesregierung vor nie dagewesenen Herausforderungen. Das gilt ganz offensichtlich für die Verteidigung des Landes, für die Wirtschaft und den Energiebereich, aber eben bei genauerem Hinsehen gleichermaßen für die Agrarpolitik. Landwirtschaft ist Teil der kritischen Infrastruktur. Was vielen von uns im ersten Corona-Lockdown dämmerte, haben die Menschen der Nachkriegsgeneration seit jeher gepredigt. Bei uns Glückspilzen, den wohlstands- und friedensverwöhnten Millenials, ist das lange Zeit völlig aus dem Fokus gerückt. Großeltern wurden ob ihrer Vorratshaltung und Sparsamkeit mit Lebensmitteln belächelt, während fünf Sorten Aufschnitt im Kühlschrank gleichzeitig vor sich hingammelten. Wegwerfen, neu kaufen, kostet ja nichts.

Proteste der Landwirte gegen schärfere Auflagen und Verbraucherkritik unter dem Motto „Wir machen euch satt“ verhallten – bei den Verbrauchern ebenso wie bei vielen Politikern. Es wirkte, als ob diese Parole in einer Wohlstandsgesellschaft aus der Zeit gefallen sei. Mit dem Beginn eines Kriegs auf europäischen Boden bekommen Aussagen wie diese plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Zwar wird hierzulande auch weiterhin niemand Hunger leiden müssen, dem hohen Selbstversorgungsgrad sei Dank. Doch es ist zu befürchten, dass es die Ärmsten der Armen hart treffen wird. Noch können Länder wie Algerien und Jordanien, wie in dieser Woche geschehen, ihre Zukäufe von Weizen am Weltmarkt verschieben und so versuchen, den enorm gestiegenen Preisen auszuweichen. Aber wie lange noch?

Und auch hierzulande werden Verbraucher für Grundnahrungsmittel tiefer in die Tasche greifen müssen. Allein in dieser Woche sprang der Preis für Schlachtschweine, der lange Zeit auf desaströs tiefem Niveau von 1,20 €/kg SG verharrte, um weitere 25 Cent auf 1,75 € kg/SG – Tendenz steigend. Der aktuellen Empörung beim Blick auf die Zapfsäulen könnte somit die Empörung beim Blick in die Warenauslage im Supermarkt, beim Bäcker und Metzger folgen.

Für viele Verbraucher werden das Klagen auf hohem Niveau bleiben, anders als in den Schwellenländern. Viele europäische Agrarpolitiker sind sich der Probleme bewusst, einige nutzen die aktuelle Lage aber auch, um sich in ihren alten Denkmustern einzumauern. Nun wird es die größte Herausforderung sein, stringent zu handeln und – wie es in anderen Politikbereichen recht erfolgreich geschieht - an einem Strang zu ziehen. Dabei steckt der Teufel im Detail, wie nach den ersten Treffen der Agrarminister in Brüssel bereits abzusehen war.

Loslösen von angestammten Denkmustern

Es wird schwierig sein, die Mengen an Getreide, Mais und Soja, die üblicherweise aus der Ukraine und Russland auf den Weltmarkt kommen, kurzfristig zu ersetzen. Auch wenn aus dem jüngsten Schätzungen des US-Agrarministeriums USDA hervorgeht, dass kurzfristig die Import-Mengen für viele Länder – darunter die Türkei, Ägypten, Algerien, die EU und Pakistan – wegen der Situation am Schwarzen Meer und den hohen Weltmarktpreisen zurückgehen und höhere Exporte aus Australien und Indien zu erwarten sind. Aber auch diese können die Einbußen seitens Russlands und der Ukraine nur teilweise kompensieren.

Unsere Welt ist seit dem 24. Februar 2022 eine andere und so muss auch die Debatte um die Zukunft der Agrarpolitik neu aufgerollt werden. Dabei hilft weder eine pauschale Verdammung aller Umweltmaßnahmen aus dem Green Deal, noch passt eine hohe prozentuale Flächenstilllegung zur Situation am Getreidemarkt.

Ernährungssicherung im Krieg

Deshalb muss auch Deutschland gewillt sein mittel- und langfristig seinen Teil zur Ernährungssicherung beizutragen - auch mit einem grünen Bundeslandwirtschaftsminister. Cem Özdemir teilte in der vergangenen Woche mit, dass „auf dem Holzweg“ sei, wer nun fordere, „erste Schritte zu einer klima- und umweltschonenden Landwirtschaft“ zurückzudrehen. Damit sorgte er bei vielen konventionellen Landwirten für Aufsehen, zumindest bei jenen, denen ein grüner Landwirtschaftsminister ohnehin ein Dorn im Auge ist. In den sozialen Medien erntete er Häme und zynische Kommentare, die mitunter auch weit über die Grenze des guten Geschmacks hinausgingen. Wenn Özdemir an seinen Grundsätzen in punkto Düngeverordnung und Flächenstilllegung festhalten wolle, könne er doch gleich „Kindersärge nach Afrika schicken“. Wer solche zynischen Kommentare und Videos bei Facebook postet oder weiterverbreitet, der sollte sich einfach nur schämen – oder sich vielleicht mal ernsthaft fragen, was er stattdessen vielleicht selbst zu Besserung der Situation betragen kann. (Eine Kinderpatenschaft kann man mittlerweile sogar ganz bequem online abschließen.)

Für festgefahrene, ideologische Ansichten darf es keinen Platz mehr geben, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Bleibt zu hoffen, dass sich die Agrarminister der EU und der G7-Staaten ihrer Verantwortung um den Weltfrieden und der Ernährungssicherheit bewusst sind und bei ihren weiteren Treffen unkonventionelle, sachorientierte Lösungen finden und damit ähnlich beherzt handeln und zusammenstehen, wie es ihnen ihre Kollegen anderer Politikbereiche bereits vorgemacht haben.

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