Daphne Huber-Wagner über Großbetriebe in Ost und West

Neiddebatte

Eigentlich geht die Trockenheit in diesem Jahr alle Landwirte an, die draußen arbeiten und von der Ernte ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Doch die westlichen Kollegen halten sich zurück.

Die Not ist für viele Betriebe, die Ertragsausfälle bis zu 50 Prozent beim Getreide haben, riesengroß. Für viele Landwirte in den Dürregebieten weitet sich das bisherige Ernteergebnis zusehends zu einer existenzbedrohenden Krise aus. „Etliche Mitglieder unserer Genossenschaften sind dringend auf staatliche Hilfen angewiesen“, appelliert sogar der Deutsche Raiffeisenverband in seinem Erntebericht vom Juli. Besonders viele Totalausfälle und große Hitzeschäden gibt es im Norden und Osten Deutschland, während der Süden und Südwesten Deutschland in diesem Jahr eine zufriedenstellende Ernte eingefahren hat.

Doch wird der Ruf nach Dürrehilfen für landwirtschaftliche Betriebe, die die Bauernverbände in Brandenburg und Sachsen lautstark einfordern, nicht wirklich von den westlichen Kollegen unterstützt. Betriebe, die kaum mehr Futter für ihre Rinder haben und wo das Grünland und der Mais unter der sengenden Sonne das Wachstum eingestellt haben, können auch eigener Kraft nicht mehr Geld aus dem Ärmel schütteln. Seit zwei Jahren haben ostdeutsche Landwirte wegen Trockenheit und Überschwemmungen 2017 hohe Ernteverluste eingefahren. Die Banken machen dicht, manche Tierhalter können Zins und Tilgung nicht mehr aufbringen. Offen hat das ein Landwirt aus Brandenburg passend beim Forum Risikovorsorge auf dem Bauerntag vorgetragen. Betriebsleiter in Nordsachsen, die 30 Jahre durch Höhen und Tiefen gegangenen sind, stehen mit Tränen in den Augen, vor dem Aus. Es fehlt schlichtweg das Geld, um das Personal, die Betriebsmittel und hohen Pachten zu bezahlen.

Kurioserweise heißen finanzielle Hilfen, die im Fall eines Notstands den Betrieben bezahlt werden, „verlorene Zuschüsse“, weil sie die Betriebe nicht zurückbezahlen müssen. Wer den Notstand auf seinem Betriebe mit einem Ernteverlust von durchschnittlich 30 Prozent gegenüber den drei Vorjahren nachweisen kann, könnte 80 Prozent seiner Verluste vom Land oder Bund zurückerhalten. Bis es soweit ist, müssen jedoch erst die Erntezahlen vorliegen, und die Voraussetzungen eines Notstandes geprüft werden. Das kann dauern. Sicher, wenn die Vermarktungsmengen von Getreide und Raps auf Großbetrieben sich um die Hälfte reduzieren, kommen schnell 600.000 Euro als Verlust zusammen, was eine Entschädigungssumme von 500.000 Euro ausmacht. Eine beachtliche Summe, mag mancher denken.

Spätestens jetzt wird der Ruf laut, die Großbetriebe vor allem im Osten hätten aber dafür in den Vorjahren auch mehr Geld verdient, als die kleinen und mittleren Betriebe im Westen. Ein solcher Einwand ist zu kurz gedacht. Denn schon die letzten zwei Jahre waren wegen Trockenheit und Überschwemmungen schlecht ausgefallen, von der Milchkrise ganz zu schweigen. Und jeder Hektar soll angeblich gleich viel Wert sein.

Wer eine Naturkatastrophe auf seinem Betrieb erlebt hat, weiß wie viele schlaflose Nächte einem die Sorgen um die Existenz umtreiben. Viele Arbeitsplätze hängen an den Großbetrieben, die zu den wichtigsten in den ländlichen Regionen gehören, sich sozial engagieren und im Winter oder bei Hochwasser mit schweren Geräten zu Hilfe eilen.

2017 hatten die Spätfröste auf den Obstanlagen in Süddeutschland schwere Schäden angerichtet. In einigen Betrieben ist fast die ganze Ernte von Kirschen und Äpfeln erfroren. Niemand hat an den staatlichen Zahlungen, die anschließend die betroffenen Obstbauern erhielten, Kritik geäußert. Nur wenn es um Großbetriebe geht, treibt es manchem Berufskollegen die Zornesröte ins Gesicht. Selbst die Funktionäre in den Bauernverbänden sind sich untereinander nicht einig und wetteifern untereinander welche Betriebsfläche groß, größer oder am größten sei.

Schade, dass 27 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch diese Neiddebatte geführt wird. Und diese mit der bevorstehenden GAP-Reform eine Fortsetzung findet. Doch bevor eine Obergrenze von Direktzahlungen befürwortet wird, sollte man die Zahl der Großbetriebe im Westen nicht unterschätzen.

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