Olaf Deininger zu politischen Debatten

Die hysterische Republik

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Warum wir uns an Kleinigkeiten hochziehen – und dabei doch gerade jetzt das große Ganze im Blick behalten sollten

Haben Sie die Debatte um eFuels verstanden? Um ehrlich zu sein: Ich nicht. Weder die eine Seite, wonach es so überaus wichtig sei, für diesen Nebenschauplatz der Technologieoffenheit einen seit Monaten laufenden europaweiten Gesetzgebungsbeschluss zu stoppen. Noch verstehe ich die andere Seite, die unbedingt jedweden Verbrenner in der privaten individuellen Mobilität verhindern möchte. Wissenschaftler sagen uns, dass der Liter eFuel später einmal über zwei oder drei Euro kosten werde. Trifft das zu, ist das ohnehin keine Lösung für die Massenmobilität. Und wenn es einige Reiche gibt, die sich das leisten wollen, würde ich sagen, bitte, nur zu. Es gibt kein Gesetz, wonach man sein Geld nicht verbrennen dürfte. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Was bleibt also aus dieser Debatte, an der so viele Politiker genauso begeistert teilgenommen haben wie viele Medien? Ich meine: nutzlose Symbolpolitik auf beiden Seiten. Und nutzlose, auf Emotionen abzielende Berichterstattung zwischen „Die wollen uns den Verbrenner wegnehmen“ und „Die ruinieren den Klimaschutz“. Diese Art der Debatte ist typisch für unseren aktuellen Diskurs: Anstatt über wirkliche Lösungen zu sprechen, arbeiten sich Politikbetrieb und Medien an Kleinigkeiten ab, die von den jeweiligen Befürwortern oder Gegnern ideologisch aufgeladen sind oder aufgeladen werden. Blühstreifen, Veggieday, Schweinsbraten in der Kindertagesstätte, Böllerverbot.

Haben wir eigentlich keine wirklichen Probleme? Oder ersparen wir uns mit diesem ewigen Streit um Kleinigkeiten, dass wir uns mit den wirklichen Problemen beschäftigen müssen? Anstatt einen Gesetzentwurf zur Dekarbonisierung der privaten Heizungen zu Ende diskutieren zu lassen, Übergangsfristen auszuarbeiten, Härtefallregelungen zu integrieren (dabei gibt es in Deutschland immer Übergangsfristen, Härtefallregelungen und Prüfungen sozialer Verträglichkeit), gerät ein Teil der Nation in Panik und bestellt schon mal die nächste Gasheizung. Zumindest verbreiten das einige Verbände.

Und währenddessen verschlafen wir die Energiewende ein zweites Mal, kommen mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht weiter, nicht in die Arbeitswelt der Zukunft, Wettbewerbsfähigkeit bei Technologie bleibt auf der Strecke ebenso wie Precision Farming. Etwas mehr Gelassenheit würde uns guttun und den Blick darauf, was wirklich wichtig ist.



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Themen:
Olaf Deininger
  1. Konrad Butschek
    Erstellt 6. April 2023 10:52 | Permanent-Link

    Technologieoffenheit zu kritisieren ist nicht zukunftsorientiert. Das man das nicht schon vorher im Gesetzgebungsverfahren berücksichtigt hat ist zu kritisieren.
    Nur mit der Brechstange auf Strom und Batterien zu setzen ohne ausreichende regenerative Erzeugung, ohne umfangreiche Speichermöglichkeiten und ohne Verzicht auf seltene Erden und deren Recycling kostet Wohlstand ohne viel zu bringen. Solange Batterien mit fossiler Energie produziert werden , erhöht das sogar zunächst noch den CO2 Ausstoß.
    Um schnell CO2 einzusparen sollte man sich mit den Überlegungen von Prof. Brasseur zur Elektromobilität beschäftigen ( siehe Artikel in den Kieler Nachrichten vom 18.03.2023, Seite M1)

  2. M. Looks
    Erstellt 11. April 2023 15:36 | Permanent-Link

    Diese ewigen Diskussionen um des Kaisers Bart sind doch nur Ausdruck der existierenden selbstbezogenen Dekadenz in unserem Land. Wir meinen ja immer noch, dass wir die Größten sind und alle Welt belehren müssen….

    Aber: Solange hier "Zukunfts-Entwicklung" aus defensiven Strategien mit rückwärtsgewandten Konzepten besteht, kann dabei doch nichts Vernünftiges herauskommen, lediglich weitere zwangsweise Versuche zur Realisierung ideologischer Fantastereien!
    Es ist doch schon in den Wortschöpfungen ausgedrückt - die neuen Konzepte haben alle das Attribut "-Wende" - also 180 Grad - rückwärts!
    In etwa 60 Ländern der Welt werden neue Technologien der Atomkraft erforscht, die auch kommen werden!
    Und WIR? Bauen Windmühlen. Wie vor 1000 Jahren.
    Herr Deininger hat Recht - wir in Deutschland verschlafen wieder mal eine Zukunftsentwicklung!
    Jedoch ganz anders als ER und die meisten denken!

    Die folgenden 4 Sätze sagte ich mal 2006 (!!!) auf einem Vortrag bei der Fortbildung von Mitarbeitern der Umweltämter:
    "Gegen Ende des Jahrhunderts werden vielleicht auf unserem Planeten 10 bis 12 Milliarden Menschen leben. Und DIE müssen wir ALLE mit Energie versorgen!
    Mit Nahrungs- und Gebrauchsenergie!
    Mit Omas Bauernhof und Windmühlen wird es nicht funktionieren!"

    Und heute?
    Noch genau dieselben Traumtänzereien wie vor 17 Jahren!

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