Olaf Deininger zum Krieg in der Ukraine

Das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen

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Warum eine Welt der politischen Blöcke immer realer und die Lebensmittelversorgung zur strategischen Frage wird.

Es ist keine vier Wochen her, da sprach der russische Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow in einem Interview davon, dass die unipolare Welt durch eine multipolare Weltordnung ersetzt werden müsse. Die Vormachtstellung der USA und des Westens solle überwunden werden. Das sei das eigentliche Ziel russischer Geopolitik.

Und der Subtext lautete: Wir haben die imperiale Idee, wieder zur alten Größe der Sowjetunion zurückzufinden, die Sehnsucht, wieder eine Großmacht zu werden. Es ist das Lebenstrauma Wladimir Putins, dass er 1990 miterlebte, wie die Sowjetunion über Nacht implodierte und praktisch zu einem Entwicklungsland schrumpfte. Damit begannen für Putin – und für viele Russen – schlimme, dunkle, demütigende Jahre.


1997 veröffentlichte der Politiker, Professor für Soziologie der Internationalen Beziehungen an der Soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau und Berater der russischen Regierung, Alexander Dugin, sein Buch „Die Grundlagen der Geopolitik“. Er vertrat darin einen Neo-Eurasismus, der die kulturelle und militärische Dominanz der USA beendet. Dies solle das Ziel der russischen Außenpolitik werden, erklärte Dugin. Er unterteilte die Welt in drei große Blöcke, die durch Zwergstaaten als Pufferzonen voneinander getrennt sind: einen angelsächsischen Block aus Nordamerika und Großbritannien. Einen südostasiatischen Block unter der Führung von China, der auch Australien umfasst. Und einen eurasischen Block, zu dem auch Indien zählt. Eine Achse Berlin-Moskau solle Deutschland die Dominanz in den katholischen und protestantischen Ländern Mittel- und Osteuropas zubilligen. Offen wären Afrika und Südamerika. Um diese Region müsse gerungen werden.

Die Ukraine solle von Russland annektiert werden, weil „sie als Staat keine geopolitische Bedeutung, keine kulturelle Bedeutung, keine geografische Einzigartigkeit hat, ihre bestimmten territorialen Ambitionen eine enorme Gefahr für ganz Eurasien darstellen und es ohne Lösung des Ukraine-Problems sinnlos ist, über kontinentale Politik zu sprechen“, schrieb Dugin damals. Das sieht Russland bis heute so.

Gleichzeitig zu Lawrows Interview fand die Konferenz der BRICS-Staaten statt: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika erklärten am Ende des Treffens, dass man auf Initiative von Russland eine eigene Währung aus der Taufe heben wolle. Als Alternative zum US-Dollar.

Die Frage ist, ob Russland mit dem BRICS-Gipfel seiner imperialen Idee einen Schritt nähergekommen ist. Werden sich die afrikanischen Staaten aus alter Dankbarkeit bei der Unterstützung im Kampf gegen den europäischen Kolonialismus und aufgrund neuer Abhängigkeiten auf die Seite Russlands stellen? Wenn wir das verhindern wollen (und das sollten wir), dann müssen wir schleunigst ein neues und besseres Verhältnis zum globalen Süden aufbauen. Denn dort wird auch über die Zukunft der imperialen Ambitionen Russlands entschieden. Damit wird die Frage der Lebensmittelversorgung in Afrika zur strategischen Frage für den Westen.

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