Olaf Schultz zum neuen Nabel der EU

Ruhmreiches Unterfranken


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Es gab tatsächlich auch vor Corona ein Ereignis, das die Geduld der Mitmenschen auf das Äußerste strapazierte – der Austritt Großbritanniens aus der EU, mit dem bitteren Beigeschmack einer Never-Ending-Story. Aber wie alles in unserem täglichen Leben hat auch dieses strapaziöse Hickhack der Briten eine gute Seite. Mit der Besiegelung der Londoner Pläne konnten im unterfränkischen Gadheim tatsächlich die Sektkorken knallen: Dank des Brexit wurde der Ortsteil von Veitshöchheim der neue geografische Mittelpunkt der EU.

Und diesen Mittelpunkt hat das Nationale Geografische Institut Frankreichs (IGN) berechnet. Im Laufe der vergangenen Jahre ist dem IGN zufolge der EU-Mittelpunkt von Frankreich nach Belgien und von dort über den Westerwald nach Südosthessen gewandert. In Westerngrund ist er seit Juli 2013. Er wanderte sogar bereits innerhalb dieser Gemeinde: Weil die französische Inselgruppe Mayotte 2014 Teil der EU wurde, verschob sich der Mittelpunkt um etwa 500 Meter. Bemerkenswert sind jedoch vor allem die politischen Umstände, die sie prägen. Denn immerhin ist es jetzt das erste Mal, dass der EU-Mittelpunkt sich verändert, weil ein Land die Gemeinschaft verlässt. Im vergangenen Vierteljahrhundert wurden all diese Orte nur geografischer Mittelpunkt der EU, weil die Gemeinschaft immer weiter wuchs.

Die neue EU-Mitte in Gadheim wird seit Generationen beackert. Landwirtin Karin Keßler, der das Flurstück gehört, will nun das Beste aus der besonderen Ehre machen, die ihm zuteilwurde. Paten können für 40 € je hundert Quadratmeter künftig Flächen mieten; sie sät dort eine Saatmischung für eine Wiese aus. Geht die Saat wie geplant auf, ist der neue Mittelpunkt der EU also in Zukunft umgeben von bunten Blumen und wird umschwirrt von unzähligen Insekten – eine originelle Idee, die zugleich voll im Trend liegt. „Blühpaten“ ist beispielsweise seit Kurzem die Vereinigung fränkischer Edelbrenner „Rosenhut“. Obst wie Birnen oder Zwetschgen für Brände sei auf die Bestäubung durch Insekten und Bienen angewiesen, sagen die Brenner.

Aber die rote Karte von Boris Johnson und seinen Insulanern ist kein Grund für Brüssel, in eine dauerhafte Schockstarre zu verfallen. In den Balkanländern setzen viele Menschen große Hoffnungen in einen Beitritt zur EU. Die Ergebnisse des jüngsten EU-Westbalkan-Gipfels Anfang Mai dürften sie jedoch enttäuschen. Serbien, Montenegro oder auch Albanien müssen sich noch gedulden – die Länge des „Fadens“ bleibt ungewiss. Sicher ist andererseits, dass Gadheim so lange als Nabel der EU glänzen kann.

   

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