Peter Seeger ruft auf zum Mitmachen statt Meckern

Politikversagen trifft Bequemlichkeit

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Wer sich über das Glyphosat-Verbot oder den Protest gegen den Schweinemaststall im Dorf ärgert, sollte am besten selbst politisch aktiv werden, um die Dinge in seinem Sinne zu bewegen. Denn schimpfen auf „die da oben“ bringt niemanden weiter.

„Was haben die Politiker da nur wieder entschieden? Die haben doch keine Ahnung.“ Wem kommt dieser Gedanke nicht öfters in den Sinn, wenn er oder sie die Tageszeitung aufschlägt und liest was in der Welt, aber auch im eigenen Dorf los ist? Am Stammtisch wird schnell gemeinsam der Kopf geschüttelt über das, was „die da oben“ so anstellen. Allzu schnell ist die mediale Welt sich über ein Thema einig, hat sich auf eine Sicht verständigt. Abweichende Meinungen und Argumente verklingen völlig wirkungslos.

Wie sonst ist es zu erklären, dass über Nacht in Deutschland die Atomkraftwerke ausgeschaltet werden oder auf einer sehr dünnen wissenschaftlichen Basis Glyphosat in der EU verboten werden soll? Der einfache Politiker hat gegen die mediale Welle oftmals nicht wirklich eine Chance, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Zudem hat er oftmals gar keine Zeit, sich mit kritischen Hintergrundinformationen zu befassen.  

Meine Hoffnung ist eher gering, dass sich dies in der nächsten Zeit ändert. Der Strukturwandel in der Medienwelt zu wenigen Konzernen ist ungebrochen. Nur mit Mainstream und Aufregern lässt sich in diesem harten Geschäft Geld verdienen. Hintergrundinformationen, aufwendige Recherche und vielleicht nicht so einfache Antworten haben kaum noch einen Platz in der Timeline einiger Redaktionen und der Medienkonsumenten. Diese „Selbstzensur“ ist kurioserweise völlig freiwillig und eigentlich nur mit der Bequemlichkeit vieler Bürger zu erklären, da sie sich nicht intensiver mit einem Thema befassen oder sich gar selbst für eine Sache einsetzen wollen.

Hat somit unsere Demokratie versagt? In Honkong gehen Hunderttausende auf die Straße, um ihre Freiheit zu behalten - und uns ist unsere Freiheit und Meinungsvielfalt egal? Das will ich so nicht hinnehmen, denn nur schimpfen ist zu einfach.

Es fängt schon ganz unten an. Aufgrund der schlechten Stimmung auf Bundesebene haben alle Parteien Schwierigkeiten, gute Leute auf die Listen der Kommunalparlamente zu bekommen. Hinzu kommt der generelle Trend, den auch jeder andere Verein zu spüren bekommt, dass sich die Bürger nicht mehr so gerne ehrenamtlich in ihrer Freizeit engagieren wollen. Oftmals sind daher nicht mehr nur die fähigsten Bürger einer Gemeinde oder Stadt im Kommunalparlament, sondern auch die, die sowieso an allem etwas auszusetzen haben, oder einfach diejenigen, die sich überreden ließen, mitzumachen. Da wundert es kaum, dass Diskussionen über den 500er-Schweinmaststall des Direktvermarkters oder das Verbot der Anwendung von Glyphosat auf Gemeindeäckern zu kuriosen Ergebnissen führen.

Doch Meckern darf nicht die Antwort sein, sondern Mitmachen und selbst aktiv werden. Es war nie einfacher, sich in der Politik zu engagieren. Es sind besonders die aktiven Frauen, die durch den Mangel an Politikern schneller auf die Listen der Parteien kommen. Mau sieht es dagegen bei den Landwirten aus. In Hessen sitzt nur noch einen Landwirt der Grünen im Parlament. Noch schlechter sieht es in meinem Landkreis aus, da dort niemand aus der Landwirtschaft vertreten ist. Das ist schade. Denn mit einer fundierten fachlichen Meinung kann man auch innerhalb der Parteien viel bewegen und zum Nachdenken anregen. Im Gespräch nach einer Parteiveranstaltung kann man den Abgeordneten seine Sicht der Dinge besser erläutern als in einem Facebook-Beitrag.

Wer nicht selbst aktiv werden und in die Parlamente gehen will, sollte die Politiker vor Ort aber zumindest unterstützen und auch konstruktives Feedback geben. Durch zurückgehende Mitgliederzahlen sinken die Einnahmen der Politik für ihre Arbeit vor Ort. Daher können selbst die passive Mitgliedschaft in einer Partei oder kleine Spenden unser politisches System stabilisieren.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Andreas H.
    Erstellt 23. August 2019 00:13 | Permanent-Link

    So einfach ist es nicht weil es immer feste Strukturen in der Politik gibt und denkfaule Kommunalpolitiker, die das schon 20 Jahre machen, reagieren genau so allergisch auf Fakten von Neulingen wie die Medien und andere Gruppen.
    Falsch auch die Bewertung der Situation. Gerade Bauern mit CDU Parteibuch und Funktionen im Bauernverband oder den Ortsverbänden sind immer sehr einflussreich gewesen. Leider sind es genau die falschen Aktiven und man kann sie als Subventionsoptimierer bezeichnen. Man sitzt oft nur im Stadtrat um das nächste Windrad auf dem eigenen Acker platziert zu bekommen. Insider-Infos über zu ergatternde Ackerflächen sind auch sehr angenehm.

    Nein, diese bauernschlauen Opportunisten können das Problem auch nicht lösen. Die Nahrung war noch nie so gut in Deutschland und die, die über die Landwirtschaft meckern, lassen sich nicht überzeugen weil es deren Hobby ist.
    Zum Anderen ist die Landwirtschaft auch immer Fehleranfälliger geworden. Ich erinnere daran, wo genau hier die Anbindehaltung Bayrischer Bauern kritisiert wurde. Es war aber der Größte in Bayern der für Negativschlagzeilen gesorgt hat - ohne Anbindhaltung. Wie soll der Bauer nun argumentieren?

    Der größte Feind des Bauern ist immer noch der "Bauer".

  2. Manfred Koppenhagen
    Erstellt 23. August 2019 00:55 | Permanent-Link

    Es gab Zeiten in der Kirchengeschichte, da musste für Ablassbriefe bezahlt werden um seine sündige Seele vor dem Fegefeuer zu retten. Heute bekommen Politiker und Presse für deren Fehlverhalten die Absolution in einem Kommentar in der "agrarzeitung" gratis. Dazu nur zwei Zitate: "Der Politiker hat oftmals gar keine Zeit, sich mit kritischen Hintergrundinformationen zu befassen" und " Nur mit Mainstream und Aufregern lässt sich in diesem harten (Medien-)Geschäft Geld verdienen." Das lässt sich eigentlich nur so übersetzen: "Der Politiker braucht seinem Abstimmungsverhalten keine Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Fachwissen zugrunde legen, sondern entscheidet nach Belieben: zum Beispiel an geraden Tagen mit Ja, an ungeraden mit Nein" sowie "Die Presse und Medien wiederum haben als Ziel nur Quote, Auflage und Klicks. Eine umfassende, ordentlich recherchierte Information für eine vernünftige Meinungsbildung der Konsumenten ist dafür nicht zielführend." Geht's noch?
    Aber die Lösung ist ganz einfach: nicht meckern, sondern selber politisch aktiv werden. Zu Ende gedacht bedeutet das, dass wir demnächst knapp 80 Millionen Politiker haben, weil vermutlich jedem irgend etwas nicht passt und er dann dafür aktiv wird. Wo nehmen wir den Platz und das Geld für diese Überhangmandate her?
    Der Verfasser des Kommentars toppt seine Ausführungen mit der alles entscheidenden Frage: "Hat unsere Demokratie versagt?" Schließlich wird in Honkong demonstriert aber bei uns nur geschimpft. Da stellen sich doch eine ganze Reihe von Fragen: wer ist die Demokratie, wo wohnt sie und welche Entscheidungen hat sie schon getroffen? Die Demokratie, sehr geehrter Herr Seeger, sind wir. Das Volk und die vom Volk gewählten Politiker. Wenn die Demokratie scheitert, dann haben wir und unsere Vertreter versagt. Und damit schließt sich der Kreis wieder.
    Ein Politiker, der vom Volk gewählt wird und zum Beispiel als Minister einen Eid auf unsere Demokratie und das Wohl des Volkes ablegt hat die verdammte Pflicht, sich über die Themen über die er abstimmt zu informieren, verschiedene Meinungen und Experten zu hören und nicht nur einem Mainstream zu folgen um seine Wiederwahl zu sichern. Dies muss zu Entscheidungen führen, die möglichst vielen Beteiligten gerecht werden.
    Das Gleiche gilt für die Medien. Es geht nicht um die Frage, was Skandal- oder Regenbogenpresse von sich geben. Dort weiß der Leser was ihn erwartet oder der Wahrheitsgehalt interessiert ihn ohnehin nicht. Entscheidend ist die Frage, was unsere öffentlich-rechtlichen Medien bieten, die finanziert durch Rundfunkgebühren einen klaren Informationsauftrag haben, dem sie derzeit zumindest im Agrarbereich in keinster Weise gerecht werden. Die Berichterstattung über die Landwirtschaft ist nur noch einseitig gegen die konventionelle Bewirtschaftungsweise ausgerichtet und vermeidet jeden Ansatz der Abwägung von Argumenten für bzw. wider die eine oder andere Form der Bewirtschaftung. "Only bad news are good news", das ist leider inzwischen auch die Maxime unserer "öffentlich rechtlichen" - und auf die könnten wir eigentlich verzichten.
    Vielleicht lohnt es sich, sich einmal in die Gedanken eines Landwirtes rein zu denken, der seinen Betrieb konventionell aus Überzeugung bewirtschaftet und dafür gute Gründe hat. Von welchem Politiker wird er sich derzeit als Bürger dieses Landes vertreten fühlen und von welcher Presse erfährt er die Berichterstattung, die seine Entscheidungen und Gründe erläutert?
    Die Botschaft für ihn lautet: nicht meckern sondern selber politisch aktiv werden. Eine wirkliche Alternative?



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