Peter Seeger über Frau Klöckners Siegel

Tierwohllabel verlangt noch viele schmerzliche Entscheidungen


Die Bauern begrüßen Klöckners Tierwohl-Schritt. Leider kann so einiges das Label zum Scheitern bringen: Der Nörgelapparat der Tierrechtler, die Logistikkosten im Handel oder auch geizige Verbraucher.

Endlich stehen konkrete Kriterien für die neue staatliche Tierwohlkennzeichnung fest. Es erinnert vieles an schon bekannte Kriterien aus der privaten Initative Tierwohl (ITW) des Handels und der Landwirtschaft. Das ist auch gut so, da sich viele dieser Kriterien schon bewährt haben. Die Tierhalter begrüßen den Vorstoß der Ministerin, da nun ein einheitlicher Rahmen gesteckt ist, an dem sich die Landwirte und alle anderen Marktbeteiligten orientieren können. Dass die Tierhalter gerne mehr Tierwohl umsetzen wollen, hat die Vergangenheit schon mit den vielen verschiedenen Markenfleischprogrammen gezeigt. Jedoch war selten ein Kunde für das teurere Fleisch da. Erstmals bekamen die Landwirte über die „Zwangsabgabe“ der ITW auf jedes im Lebensmitteleinzelhandel verkaufte Stück Fleisch den Mehraufwand sicher bezahlt.

Rewe und Lidl müssen Einheitlichkeit wollen

Die Bauern begrüßen die Initiative des Ministeriums auch, weil nun die Chance auf eine für den Konsumenten transparente und übersichtliche Klassifizierung des Fleisches besteht. Die Vielzahl an Labels und Programmen sind eher abschreckend als vertrauensbildend. Eine neue Übersichtlichkeit entsteht natürlich nur, wenn sich die schon am Markt befindlichen Programme wie die von Rewe oder Lidl dem neuen Stufenprogramm anschließen. Das wäre wünschenswert. Da sich die Lebensmittelhändler jedoch gerne voneinander differenzieren, hege ich gewisse Zweifel daran, dass dies so reibungslos geschieht.

Wie sollen vier gertrennte Linien bezahlt werden?

Eine der größten Herausforderung ist meines Erachtens die sogenannte „Nämlichkeit“. Dies bedeutet sicherzustellen, dass es keine Vermischung zwischen den 4 Produktionsstufen gibt. In der gesamten Kette müssen verschiedene Logistikwege aufgebaut werden, was ich mir in Gänze nicht vorstellen kann. Bei der Verarbeitung des hochverderblichen Schweinefleisches zu über 200 Produkten fallen immense Kosten für die vier getrennten Linien an. Dies ist beim Ei anders, da dies unverarbeitet und einige Wochen haltbar in den Handel kommt. Daher ist davon auszugehen, dass der Hauptfokus auf der Einstiegsstufe liegt. Diese Kriterien sind mit einigen Umbauten und Bestandsreduktionen in den meisten bestehenden Ställen kurzfristig umzusetzen. Dies ist wichtig, um eine gewisse Menge am Markt bereitzustellen.

Die niedrigen Hürden der Einstigesstufe sind sinnvoll

Wie zu erwarten setzt sich natürlich sofort der Nörgelapparat der Tierrechtsindustrie in Bewegung. Das ist deren Existenzberechtigung, da sich gute Nachrichten schlecht verkaufen. Der Hauptkritikpunkt ist erstaunlicherweise, dass die Kriterien der Einstiegsstufe ungenügend seien. Gerade dieses Argument ist für mich unbegreiflich. Der Kunde, der noch mehr Tierwohl wünscht, kann jederzeit zu zwei noch höheren Stufen greifen. Wenn dies auf lange Frist nachgefragt wird, wird es sicher auch von den Landwirten produziert.

Kommunikation ist entscheidend

Nun sind wir schon bei dem größten Problem angekommen. Der Verbraucher muss bereit sein, deutlich mehr Geld auszugeben. Schon viele Studien haben ergeben, dass der Kunde zwar bei Umfragen erklärt, für Tierwohl mehr bezahlen zu wollen, dies jedoch an der Ladentheke nicht macht. Wenn man wirklich Tierschutz in unseren Ställen umsetzen will, ist die größte Aufgabe aller Beteiligten, dieses Programm zu kommunizieren. Für mich geht es um die Berechtigung der Schweinehaltung in Deutschland. Wenn wir es nicht hinbekommen, die geforderten höheren deutschen Standards am Markt zu erlösen und dann noch einen Focus auf die Herkunft aus Deutschland zu richten, um billige Importe abzuwehren, hat die Schweinehaltung in Deutschland keine Zukunft.

Höchste Zeit für die Nutztierstrategie

Trotzdem darf das Ministerium jetzt nicht die Hände in den Schoß legen. Die Tierwohlkennzeichnung ersetzt nicht die Nutztierstrategie. Wir brauchen Ziele, wo die Reise hin geht bei Kastration, Kastenstand und Kupierverzicht. Dies liegt alles in der Hand des Gesetzgebers. Es sind noch viele schmerzliche Entscheidungen zu treffen. Wer heute einen Stall baut, braucht mindestens 20 Jahre Planungssicherheit. Diese kann eine Tierwohlkennzeichnung, die am Markt noch nicht etabliert ist, ganz sicher nicht leisten.

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