Preispolitik

Transformation braucht Augenmaß und Verantwortung

afz

FRANKFURT Die neueste Preisrunde der beiden Discountriesen Aldi Nord und Aldi Süd schlägt große Wellen.

Das wertvolle Lebensmittel Fleisch wird günstiger. In Zeiten einer kontinuierlich steigenden Inflationsrate sind das für viele Verbraucherinnen und Verbraucher gute Nachrichten, für die Profis in der Agrar- und Fleischwirtschaft nicht.

Aldi hatte die Verkaufspreise für sein Sortiment an frischem Fleisch mit Verweis auf sinkende Beschaffungskosten reduziert. Das gilt für Artikel vom gemischten Hackfleisch bis zum Rindersteak. Anders sieht es bei Bacon und Teewurst aus. Sie verteuerten sich ebenso wie Schnitzel aus der Tiefkühltruhe. Die Landwirte bringt das verständlicherweise in Rage. Schließlich legen sie nach Auskunft der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) pro Schwein bis zu 70 Euro drauf. Die Tierhalter fühlen sich verhöhnt. Warum? Weil Anspruch und Wirklichkeit nicht zusammen passen. 

Zu Jahresbeginn bewegte sich die Notierung mit 1,25 Euro je Kilo SG im Keller, knackte aber die Marke von zwei Euro nicht. Seit einigen Wochen pendelt sie bei 1,85 Euro je Kilo Schlachtgewicht (SG). Wohlgemerkt gilt dieser Preis für Standardware und nicht für Tiere, die auf Stroh, Weide oder im Offenstall gehalten werden. Beim Rindfleisch sieht die aktuelle Entwicklung anders aus. Die Kurse erreichten Rekordwerte, gaben dann etwas nach. Das Niveau bleibt jedoch anhaltend hoch. 
„Zu den hohen Anforderungen an mehr Tierwohl passen keine Schleuderpreise.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur, 
Nicht nur Aldi Nord und Aldi Süd hatten vor einem Jahr mit Pauken und Trompeten angekündigt, ihr Sortiment an Frischfleisch bis 2030 auf die Haltungsformen 3 und 4 umzustellen und damit den Umbau der Tierhaltung nachhaltig mitzugestalten. Ziel ist es auch, den landwirtschaftlichen Betrieben eine Zukunftsperspektive zu geben, die im Einklang mit der Erwartung von Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie der Politik steht. Zu den hohen Anforderungen an mehr Tierwohl passen deshalb keine Schleuderpreise. 

Aldi untermauert seine Einstellung zu Haltung zum Tierwohl auf Plakaten und Handzetteln. Da passt es nicht ins Bild, die Preise ins Rutschen zu bringen. Der Discounter weiß nur zu genau, wie alle Händler sowie Lieferanten auf die Preispolitik aus Essen und Mülheim an der Ruhr schielen. Aldi hat größere Freiheiten, um Preisschwellen auszuloten als andere Handelsunternehmen, die neben Netto und Penny sowie Lidl auch Großflächenformate und Supermärkte zu bestücken haben. Aldi versucht den Spagat: Der Discounter möchte sich als Inflationsbremser positionieren und gleichzeitig an seinen hohen Ansprüchen in Sachen Tierwohl festhalten.

Auch wenn der Schwarze Peter gegenwärtig ermittelt ist: Weitere Händler justieren jetzt ihre Kalkulation scharf nach. So garantiert beispielsweise auch Globus bis Ende des Jahres günstige Preise für Produkte aus der eigenen Herstellung. Edeka bewirbt ebenfalls seine Preiseinstiegsmarken und will als Discounter im Format eines Supermarkts überzeugen. Und bei Lidl soll sich der Einkauf ohnehin immer lohnen.

Verfallen wir wieder in die Phase von Dumpingpreisen und Knüllerrabatten, um die Verbraucherinnen und Verbraucher in die Märkte zu locken? Wenn wir nachhaltig etwas ändern wollen – auch und gerade in diesen wirtschaftlich turbulenten Zeiten – kann das nicht zielführend sein. Wir müssen diesen Weg verlassen, sonst bleiben weitere landwirtschaftliche Betriebe auf der Strecke und das ist das Gegenteil von Ernährungssicherung

Die Fleischer reagieren verärgert, denn sie erkennen keine Spielräume für Preissenkungen vor dem Hintergrund höherer Preise für Energie und Kraftstoffe, Futtermittel, Därme, Gewürze, Verpackungsmaterial sowie gestörten Lieferketten und dem Krieg in der Ukraine.

Die Transformation von Land- und Ernährungswirtschaft gelingt weder mit knappen Kalkulationen und ebensowenig mit einer Verlagerung der Produktion von Lebensmitteln im Ausland. Fleisch geht nicht billig.



Dieser Text erschien zuerst auf www.fleischwirtschaft.de.

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