Stefanie Pionke über die Affäre Chocjes

Schmollwinkel trifft Gesinnungsspießertum


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Neulich, am familiären Frühstückstisch, musste ich eine Erfahrung machen, von der ich glaubte, dass sie mir noch mindestens bis zum Grundschulalter meiner Kinder erspart bleiben würde. „Mama, tu das sofort weg, ich kann das nicht ertragen“, sagte meine fünfjährige Tochter im Brustton tiefster Überzeugung und sah mich über die Tischplatte hinweg mit vorwurfsvollen Augen an. Zuvor war ich drauf und dran, in meine Roggenbrotscheibe (vom Bäcker in der Nachbarschaft) zu beißen, die mit Schinken (vom Handwerksmetzger nebenan) belegt war.

Ich hatte mich schon nach dem Aufstehen auf dieses spezielle Frühstücksbrot mit diesem speziellen Belag gefreut – und musste mir den Genuss nun ausgerechnet von meiner eigenen Brut madig machen lassen. Nun gut, ich ermahnte meine Tochter, keine „Gesinnungsspießerin“ zu sein. Ich respektiere und verstehe, dass sie den Fleischkonsum ablehne, aber sie möge ihrer flexitarischen Mutter doch bitteschön dann und wann den Fleischgenuss gönnen, erklärte ich der Fünfjährigen geduldig, bevor ich einen weiteren Schluck meines Kaffees mit aufgeschäumter (Kuh-)Milch trank.

Die Vegetarier-Phase meiner Tochter findet übrigens zwischendurch immer mal wieder Unterbrechungen. Sie ist auf den pragmatischen, ideologisch um einiges stressfreieren Flexitarier-Kurs ihrer Eltern eingeschwenkt, die übrigens dankbar sind, sich zusätzlich zu allem Alltagsstress nun auch noch mit vegetarischer und trotzdem gesunder Ernährung für Heranwachsende auseinandersetzen zu müssen. Was sie als verständnisvolle Generation-Y-Eltern natürlich gerne getan hätten, wenn es hart auf hart gekommen wäre. Aber das ist nur eine Randbemerkung.

Was hat nun dieser Ausflug an den familiären Frühstückstisch mit der veganen Schokolade des Süßwarenherstellers zu tun? Er illustriert, dass die Kritik an der konventionellen Agrarwirtschaft und ihren Produktionsweisen gekommen ist, um zu bleiben. Die Kinder und Jugendlichen von heute wachsen ganz selbstverständlich mit Greta, dem Veggie-Trend und der Agrarwende-Debatte auf. Auch wenn die Absatzzahlen bei Milchprodukten in Supermärkten eine andere Sprache sprechen – diese Trends werden hartnäckig und öffentlichkeitswirksam diskutiert. Auch wenn die Argumentation an der einen oder anderen Stelle die Realität stark simplifiziert und verärgerte Reaktionen aus der Land- oder in dem Fall Milchwirtschaft durchaus nachvollziehbar sind.

Ziehen nun der Bayerische Bauernverband und andere Verbände mit einer Rüge gegen den Chocjes-Spot zu Felde, in dem eine Armee von Kühen mit Melkmaschinen an den Eutern unterlegt von der Botschaft „Jedes Leben ist wertvoll“ in Schokoladenquadrate marschieren, um von ideologisch unverfänglichen Haferpflanzen abgelöst zu werden, die für vegane Schokolade auf Pflanzenmilchbasis werben, erweisen sie der Landwirtschaft unter dem Strich wohl dennoch einen Bärendienst.

Denn diese Reaktion folgt dem bekannten, beleidigten Schema der Verbändekritik, wonach dies eine pauschale und unzulässige Darstellung der Landwirtschaft im Allgemeinen und der Milchviehhaltung im Besonderen sei. Doch mit dieser Argumentationsweise gewinnt man gegen einen längst viralen und künstlerisch durchaus anspruchsvoll umgesetzten Spot in der breiten Öffentlichkeit kaum Sympathie-Blumentöpfe. Die heimsen wohl eher Veganer ein mit der Botschaft, dass es „unmenschlich“ sei, Milchkühe Dauerschwanger zu halten und ihnen ihre „Neugeborenen“ wegzunehmen. Diese Argumentation kann man durchaus platt finden. Nur hilft das der Landwirtschaft aus der Kommunikationsfalle, dies beleidigt kundzutun? Wohl eher nicht. Was aus ihr heraushilft, ist eine Frage, auf die eine Antwort noch gefunden werden muss. Und das ist alles andere als trivial.

Eine Katjes-Sprecherin konterte gegenüber der Rheinischen Post übrigens die Kritik aus der Landwirtschaft an dem Chojes-Spot mit dem Hinweis, man dürfe doch wohl den verkitschten Darstellungen der Milchindustrie in der Werbung die „andere Seite“ entgegensetzen. Zuvor hatte die Firmensprecherin übrigens einen Satz fallenlassen, den die Milchwirtschaft durchaus als kostenlose PR werten kann: „Milchbauern, die einen guten Job machen, brauchen sich nicht angesprochen fühlen“, zitiert die Rheinische Post Katjes-Sprecherin Gloria Thyssen.

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