Stefanie Pionke über die Personalrochade bei den Genossenschaften

Duftnoten

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Das Stühlerücken bei Genossenschaften ist selbst ein Symptom des Strukturwandels. Ob mit Stallgeruch oder frischem Wind: An Veränderungen kommt der Handel nicht vorbei.

Wenn in der Agrarwirtschaft von Stallgeruch gesprochen wird, geht es nicht notwendiger Weise um Ammoniakemissionen. Es geht auch darum, wer die Rituale eines gesellschaftlichen Zirkels beherrscht, der gerne unter seinesgleichen bleibt. Und wer eben nicht.

Andreas Rickmers ist gelernter Landwirtschaftsmeister und studierter Agraringenieur. Das sind immerhin zwei Häkchen auf der Stallgeruch-Checkliste. Doch ein entscheidendes Häkchen fehlte offenbar, um bei einer Genossenschaft wie der Agravis erfolgreich zu sein: Rickmers, der zwei Jahre an der Spitze des größten Agrarhändlers in Deutschland stand, hat sein vorheriges Berufsleben beim US-Konzern Cargill zugebracht – und nicht im genossenschaftlichen Agrarhandel. Sein Nachfolger Dirk Köckler dagegen hat fast seine gesamte Karriere bei Genossenschaften bestritten – unter anderem bei der RCG Nordwest in Münster, die 2004 in der Agravis aufgegangen ist.
Stallgeruch schlägt frischen Wind? Das wäre ungerecht gegenüber Köckler, der seine Duftnote als Vorstandsvorsitzender der Agravis erst noch definieren muss. Doch eines drängt sich auf: Die Genossen in Münster und Hannover waren noch nicht bereit für den Ex-Cargill-Manager. Dennoch dürften sie Rickmers 2017 in vollem Bewusstsein dafür, dass der Verdrängungswettbewerb im Agrarhandel an Fahrt aufnimmt, an die Spitze berufen haben. Er sollte sicher frischen Wind und neue Impulse bringen, um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen.

Import des "Spirits" fehlgeschlagen

Doch die intellektuelle Einsicht darin, dass Veränderungen notwendig sind, ist das eine. Sie wirklich umzusetzen und mitzutragen, das andere. Bei US-Konzernen ist die Herangehensweise bei Veränderungsprozessen typischer Weise recht schnörkellos: Problem identifizieren, Maßnahmen zur Lösung vorschlagen – und dann schleunigst umsetzen. Rickmers ist nach allem was man hört damit gescheitert, diesen „Spirit“ nach Münster und Hannover, in die Tochterunternehmen und in die Primärgenossenschaften, zu importieren. Und außerdem ist es ein bekannter Reflex, bei wachsendem wirtschaftlichen Druck und steigender Unzufriedenheit das Spitzenpersonal auszutauschen. Die Probleme lösen sich dadurch nicht in Luft – oder Wohlgeruch – auf.

Köckler hat genossenschaftlichen Stallgeruch und kennt die Gepflogenheiten. In Branchenkreisen setzt man darauf, dass er die Agravis fit für den Strukturwandel machen wird – nur eben mehr nach genossenschaftlicher Fasson. Ein schwieriges Unterfangen. Denn eine der größten Herausforderungen der Hauptgenossenschaften insgesamt ist es, die Zweistufigkeit so neu zu interpretieren, dass sie in Zeiten des zunehmenden Verdrängungswettbewerbs kein Klotz am Bein ist. Spannungsfrei ist das Verhältnis von Primärgenossen und Hauptgenossen nirgendwo. Beide machen sich gegenseitig Konkurrenz um ohnehin schon dünne Margen. Hat ein eingefleischter Genosse wie Köckler leichteres Spiel dabei, das, was gerne als „einstufige Zweistufigkeit“ bezeichnet wird, umzusetzen – in welcher Spielart auch immer? Um dann, befreit von Ballast, größere Wachstumsschritte zu tätigen? Den Ehrgeiz dürfte er haben, ist der ehemalige Kasselaner doch die Karriereleiter bisher konsequent und stringent nach oben geklettert.

Die Personalien Köckler und Rickmers sind selber Symptome des Strukturwandels. Vielleicht setzen sie nur den Auftakt für ein weiteres Stühlerücken im Agrarhandel. So scharf ist der Wettbewerb schon, dass man sich nun gegenseitig das Spitzenpersonal abwirbt, sagen Beobachter. Vielleicht sehnt sich mittlerweile manch einer nach den guten alten Zeiten zurück, als die Aufweichung des Regionalprinzips das größte Problem der Genossen war.  

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  1. Cord Bösch
    Erstellt 25. Februar 2019 16:05 | Permanent-Link

    Dass die Agrarzeitung die Genossenschaften nicht mag, für rückwärts gewandt und altmodisch hält, ist mittlerweile bekannt. "Kein Stallgeruch" ist aber kein Beleg für eine gute Unternehmensführung und "Stallgeruch" kein Beleg für eine schlechte. Nur weil jemand von außerhalb kommt, ist er noch lange nicht besser als einer, der sich auskennt. Auch wenn die Autorin mal wieder alle Klischees von Genossenschaften zitiert - Die BayWa (AG), die Agravis (AG) und die Raiwa (GmbH) sind keine Genossenschaften. Schon gemerkt, Frau Pionke? Hier wird mal wieder alles durcheinander geschmissen. Recherche im Vorfeld schadet nicht, auch wenn das für manchen Reporter wohl zu schwierig ist.

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