Stefanie Pionke über Klöckner, Tierleid und Tierwohl

Auf Tauchstation

az

Horrorbilder aus Schlachthöfen haben gerade Hochkonjunktur. Die betroffenen Unternehmen räumen Verstöße ein, die niedersächsische Landwirtschaftsministerin positioniert sich und will Abhilfe schaffen. Eine schweigt: Julia Klöckner.

Schlag auf Schlag bringen Tierschutzaktivisten Bilder an die Öffentlichkeit, die Misshandlungen in Schlachthöfen dokumentieren. Knapp eine Woche, bevor die Leitmesse „Eurotier“ in Hannover ihre Pforten öffnet, gesteht der Schlachthof GK Oldenburg, der zuletzt von den Enthüllungen betroffen war, die Vorwürfe ein: „Wir zweifeln weder die Authentizität der Bilder an, noch möchten wir die Vorfälle kleinreden. Im Gegenteil: Wir können nachvollziehen, dass das Deutsche Tierschutzbüro, aber auch die Öffentlichkeit empört über die Vorfälle ist“, teilte die Führung des Schlachthofes mit.

Auch die Geschäftsführung des Schlachthofs Hakenberger Fleisch GmbH, bei dem Tierrechtler der Organisation Ariwa dem Sender rbb Bilder über mutmaßliche Misshandlungen zugespielt hatten, gaben zu, dass die Aufnahmen die Zustände im Unternehmen spiegelten. Das ist bemerkenswert. Sonst war bei kompromittierendem Bildmaterial, das durch Stalleinbrüche gewonnen wurde, doch der Reflex der Betroffenen, alles weit von sich zu weisen und die Illegalität in der Beschaffung des Bildmaterials als wahre Missetat anzuprangern.   

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast bezog mehrfach Stellung zu der Flut an schockierenden Bildern und kündigt Schritte an, um solche Missstände künftig auszuräumen, etwa durch verschärfte Kontrollen. Und die Tierschutzbeauftrage der SPD-Fraktion im Bundestag, Susanne Mittag, fordert eine bundesweite Videoüberwachung in deutschen Schlachthöfen. Zudem lanciert die Hinterbänklerin noch eine Spitze in Richtung Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU): „Bundesministerin Julia Klöckner muss endlich ihre Bedenken beiseitelegen und aktiv etwas für mehr Tierwohl tun. Mehr Platz im Stall und etwas Stroh bringen am Ende des Tages wenig, wenn das Tier kurz vor seinem Tod extreme Qualen erleidet“, so Mittag.

Und Klöckner sagt – wie so oft beim Themenkomplex Tierhaltung und Fleischproduktion, bei dem es selten Blumentöpfe zu gewinnen gibt – nichts. Klar, Otte-Kinast positioniert sich auch deshalb, weil wiederholt in „ihrem“ Bundesland Schreckensbilder an die Oberfläche gespült wurden. Auch richtig: Der SPD ist in ihrer desolaten Lage derzeit jedes Mittel recht, um sich zu profilieren und die Wählergunst zu gewinnen. Aber dennoch kann es sich eine Bundesministerin nicht leisten, bei einem gesellschaftlich derart kontrovers diskutierten Themenkomplex wie der Nutztierhaltung derart auf Tauchstation zu gehen – gerade wenn eine international so beachtete Messe wie die Eurotier vor der Tür steht.

Gerne verbreitet das Bundesagrarministerium (BMEL) stattdessen Jubelbotschaften. So gab das Ressort jetzt bekannt, einen einstelligen Millionenbetrag für die Entwicklung eines Verfahrens bereitgestellt zu haben, das die Geschlechterbestimmung von Küken im Ei ermöglicht durch eine non-invasive Geschlechtsbestimmung im Brutei: Eier mit männlichen Küken werden dabei also gar nicht erst ausgebrütet und die Küken somit auch nicht getötet. Betrieben wird dieses Verfahren von einem Joint-Venture der Rewe Gruppe mit einem Technologie-Unternehmen. Erste Frischeier, die dieses Verfahren durchlaufen haben, können Kunden in Berlin ab diesem Monat bei rund 200 Rewe- und Penny-Filialen kaufen. Doch diesen regional sehr begrenzten Erfolg kann sich Klöckner nicht ans Revers heften, handelt es sich doch dabei noch um eine Initiative ihres Amtsvorgängers.

Selbst gestalten, im Hier und Jetzt und in der Fläche könnte die Bundesministerin beim Tierwohl. Aber wo bleibt der Ehrgeiz einer Julia Klöckner, wenn selbst Branchenverbände wie eine Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Deutschland (ISN) verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnungen fordern statt einem wachsweichen, weil auf Freiwilligkeit basierenden Signet, wie es der BMEL-Chefin vorschwebt? Denn die Tierhalter in Deutschland wollen vor allem eines: Planungssicherheit und höhere Gewinne. Dabei lehnen sie auch gesetzlich verpflichtende, höhere Tierwohl-Standards in den Ställen nicht ab. Denn was verpflichtend ist, ist verbindlich und bietet daher die vielfach eingeforderte Investitionssicherheit. Das wiederum hilft den Landwirten, den Verbrauchern, dem Arbeiter am Schlachtband und womöglich sogar den Tieren, wenn ihr Wohl bis zum Tod durch das Bolzenschussgerät und durch die Aufnahme ihrer Gesundheit in den Tierwohlkriterien-Katalog gesichert ist.

Als Klöckner erst Anfang des Monats frohlockte, sie habe sich mit dem Deutschen Raiffeisenverband und dem Verband der Fleischwirtschaft auf eine Tierwohlkennzeichnung geeinigt, die Perspektiven für die Landwirte schaffe, hatte die ISN Schaum vorm Mund vor Wut. Offen bleibe, welche Perspektiven geschaffen wurden, angesichts des drohenden Endes der betäubungslosen Ferkelkastration und des Magdeburger Urteils zum Kastenstand in der Sauenhaltung, ätzten die Landwirte-Vertreter. Zu Recht – denn wie man die Kastenstände bei Sauen nach dem Urteil großzügiger gestaltet, ist offen, seitdem Klöckners Vorgänger Schmidt das BMEL-Eckpunktepapier im Sommer 2017 vorgestellt hatte.

Und bei dem Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration wird der Bundestag am Freitag, den 9. November, aller Voraussicht nach wohl eine Fristverschiebung um zwei Jahre durchwinken. Doch dabei kann der agrarpolitische Gestaltungsdrang nicht stehenbleiben. In den kommenden zwei Jahren wäre das Haus Klöckner gut beraten, Alternativen zur betäubungslosen Kastration voranzubringen statt den Kopf in den Sand zu stecken, um wieder um 5 vor 12 eine Schonfrist durchzudrücken.

Kommentare

Ihre E-Mail wird weder veröffentlicht noch weitergegeben. Notwendige Felder haben einen *

Spielregeln

stats