Stefanie Pionke zieht Bilanz für das Jahr 2020

Beharrungskräfte sind passé

az

Flexibilität, Mut zum Wandel und Kreativität haben höchste Priorität, so die Chefredakteurin der agrarzeitung in ihrer Analyse zum Corona-Jahr 2020 und im Ausblick auf ein hoffentlich weniger dramatisches neues Jahr.

 „Beharrungskraft wird Landwirte, Politiker und Unternehmenslenker nicht über das Jahr 2020 retten.“ Mit diesem Satz begann der Leitartikel unserer letzten Ausgabe 2019. Und in der Tat: 2020 ist kein Stein auf dem anderen geblieben – auch wenn nicht alle Gründe dafür damals vorhersehbar waren. Erste Meldungen über das neuartige Coronavirus kursierten zwar bereits im Dezember des Vorjahres. Doch schien die Krankheit seinerzeit Analysten zufolge weit weg in Asien zu grassieren – und daher für die hiesige Agrarwirtschaft nur von begrenzter Relevanz zu sein.

Jene Beobachter sind eines Besseren belehrt worden. Die deutsche Agrarwirtschaft hat zwar erfolgreich dafür gekämpft, in der Pandemie als „systemrelevante Wirtschaft“ anerkannt zu werden und während der Lockdowns weiterarbeiten zu dürfen. Doch gelitten haben einzelne Bereiche der Branche sehr wohl: Seien es die Kartoffelerzeuger und -vermarkter, die aufgrund von Restaurantschließungen die Flaute im Frittenabsatz spürten. Seien es Schweinehalter, die mit dem Vermarktungsstau zu kämpfen haben, der sich aufgrund von Corona-Fällen und erhöhten Schutzvorkehrungen an den Schlachtbändern gebildet hat.
Die Krise hat die Akteure quer durch die verschiedenen Bereiche der Agrarwirtschaft gezwungen, ausgetretene Pfade zu verlassen – Beharrungskräfte gehören der Vergangenheit an. Feldtage werden in die Büros gestreamt. Kongresse und Konferenzen wandern in die digitale Sphäre ab. Und auch die Arbeitsorganisation hat mit dem Siegeszug des Homeoffice neue Wege eingeschlagen.
„Beharren ist behaglich, Veränderungen sind anstrengend. “
Stefanie Pionke, 

Vom „Weiter so“ haben sich unabhängig von der Pandemie auch viele Spieler im durch den Strukturwandel gebeutelten Agrarhandel verabschiedet. Den sicherlich größten Paukenschlag setzten ATR Landhandel und Beiselen mit der Bekanntgabe ihrer Fusionspläne in dieser Woche. Doch auch die RWZ in Köln und die Raiffeisen Waren in Kassel machten ihre weitreichenden Kooperationspläne 2020 öffentlich. Die Agravis ist dabei, einheitliche Konzernprozesse flächendeckend einzuführen und unterschiedliche Tochterunternehmen sichtbar unter die Münsteraner Flagge zu stellen. Und die Baywa strafft ihre Agrarhandelsstrukturen im Osten und entschlackt ihr Standortnetz.

Mehr solcher Schritte werden 2021 folgen. Und sie werden nicht auf den Agrarhandel beschränkt bleiben. Strengere regulatorische Vorgaben in der Tier-, maßgeblich der Schweinehaltung, werden den Strukturwandel unter Tierhaltern selbst sowie in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Wertschöpfungskette beschleunigen. Das wird unter den Landwirten, Mischfutterherstellern und Fleischverarbeitern Konsolidierungsmaßnahmen nach sich ziehen. Die Betriebsmittelindustrie muss sich, am besten gemeinsam mit Landwirten und Händlern, Antworten auf die politisch geforderte Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutz und Dünger überlegen. Agrarpolitiker wiederum sollten innovative Wege durch kluge Förderung flankieren, statt nur Bilder einer schönen neuen und digitalen Landwirtschaftswelt zu zeichnen.

Beharren ist behaglich, Veränderungen sind anstrengend. Bei allen Hoffnungen, dass 2021 weniger dramatisch verläuft als dieses Jahr: Flexibilität, Mut zum Wandel und Kreativität bleiben gefragt.
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